2002-05-17
„Mich hat das so geärgert ...“ – Interview mit Werner Richter zum ORF-Urteil
Der Oberste Gerichtshof Österreichs hat Anfang April 2002 entschieden, dass der Österreichische Rundfunk (ORF) Übersetzer als Urheber zu nennen hat, wenn er in seinen Sendungen aus übersetzten Werken zitiert. 
    Richard Schneider sprach mit Werner Richter, der den Stein 1999 durch seine Klage ins Rollen gebracht und dadurch das höchstrichterliche Grundsatzurteil ermöglicht hat. (Da sich die Gesprächspartner seit Jahren aus diversen Online-Foren kennen, duzen sie sich.)

Wie hast du reagiert, als du das ORF-Literaturfeature gehört hast, in dem ausführlich aus deinen Übersetzungen zitiert wurde, ohne deinen Namen zu nennen?
Mich hat das so geärgert und ich fand die Urheberrechtsverletzung so krass – es waren immerhin 12 von 44 Minuten –, dass ich (nach Rücksprache mit meinem Verband, dessen Präsident ich übrigens damals seit kurzem war, deshalb ist das ja auch ein „Präsidenzfall" :-) beschlossen habe, gar nicht erst irgendwelche Beschwerdebriefe zu schreiben, sondern sofort einen Anwalt zu beauftragen. Auch um dem Sender nicht die Chance zu geben, eine faule Entschuldigung abzugeben. Hätten sie wohl sowieso nicht getan, aber das wussten wir ja nicht.

War das beanstandete Feature ein Ausrutscher des ORF? Oder ist das Verschweigen der Übersetzer und Dolmetscher bei diesem Sender der Normalfall?
Das wohl auch nicht, eher geht es da um die übliche Willkür: wir Übersetzerundinen müssen auf den guten Willen der jeweiligen Redakteurin oder des Feature-Autors vertrauen, ob sie uns nun nennen oder nicht. Grob geschätzt würde ich sagen, dass selbst in den Literaturlese-Sendungen (wo also wirklich nur ein Text[-auszug] vorgestellt wird) in rund 30 bis 40 Prozent der Fälle kein Übersetzername genannt wird. Und in den Features, wo mal mehr, mal weniger zitiert wird, scheint es mit der sogenannten „Verkehrssitte" noch schlechter auszusehen.

Viele Kollegen ärgern sich darüber, dass sie in den Medien nicht erwähnt werden. Wie kommt es, dass gerade Werner Richter auf die Barrikaden ging? Hätte dich die jahrelange Auseinandersetzung mit einem millionenschweren Mediengiganten nicht finanziell in den Ruin treiben können? Was wäre passiert, wenn du verloren hättest?
Ich habe immer die Unterstützung meines Verbandes gehabt, auch beim Kostenrisiko. Die „Übersetzergemeinschaft“ (das sind die organisierten Literaturübersetzerundinen) hat ursprünglich per Vorstandsbeschluss entschieden, diese „Causa", wie das hier heißt, zum höheren Wohle des Standes durchzuziehen und mich im Ernstfall schadlos zu halten. 
    Unser Anwalt war sehr optimistisch (letztlich ja auch zu Recht), deshalb wurde uns das Kostenrisiko erst so richtig klar, als die erste Instanz uns abblitzen ließ, nicht zuletzt wegen des negativen Gutachtens eines verschnarchten Exjuristen, der rund 10.000 Euro dafür verrechnete (1 Fotokopie à 0,55 Euro und so). 
    Vor der dritten und letzten Instanz haben wir uns (nach einem Worst-case-Szenario meines Anwalts, das sich auf rund 30.000 Euro belief, trotz Freundschaftspreis seinerseits) bei der österreichischen Verwertungsgesellschaft erkundigt. Nach einigem Nachhaken und Fingerklopfen hat man dort einen Fixbetrag von umgerechnet 7.500 Euro „übernommen". Außerdem habe ich mir von Ver.di die Zusage zur Übernahme der Kosten für die dritte Instanz geholt, das ging relativ problemlos. 
    Im Ernstfall hätten wir dennoch auf ca. 15.000 Euro sitzen bleiben und damit ziemlich nackig dastehen können. Klüger wäre es gewesen, eine oder beide Institutionen schon im Vorfeld zu kontaktieren – beide hätten eine solche Aktion, wo ein Grundsatzurteil zu holen wäre, im Prinzip auf jeden Fall unterstützen müssen. Aber wir haben ja auch so gewonnen.

Nach dem jetzt ergangenen letztinstanzlichen Urteil zahlt also der ORF die Zeche, so dass auch die Verbände nicht auf ihren Kosten sitzen bleiben?
Jetzt zahlt natürlich der ORF sämtliche Gerichtsgebühren, die Kosten für das windige Gutachten (das gegen mich sprach und z.B. die einzige übersetzerfreundliche Stellungnahme einer Rundfunkdramaturgin auf wirklich perfide Weise entwertete) sowie die Honorare aller Anwälte, und da wird meiner sicher keinen Freundschaftspreis verrechnen, es könnte also gut an die 50.000 Euro rankommen.

Bezieht sich die jetzt erstrittene Pflicht zur Namensnennung ausschließlich auf Literaturübersetzer? Oder muss der Sender zum Beispiel auch diejenigen nennen, die bei Interviews gedolmetscht bzw. übersetzt haben?
Soweit ich weiß, geht es in dem Urteil um alle Fälle, in denen eine Übersetzung zitiert wird. Im Grunde kann man das natürlich auch als allgemeine Stärkung der Stellung der Übersetzerundinen sehen, aber in jedem Fall kann ab jetzt jedes Medium in Österreich abgemahnt bzw. verklagt werden, das eine Übersetzung in Teilen zitiert und den Urheber nicht nennt. 
    Wir werden in unseren demnächst hinausgehenden Schreiben an diverse Redaktionen im Lande allerdings diesen Punkt etwas weiter formulieren und unserer Hoffnung Ausdruck geben, dass es hinfort wohl keine Frage mehr sein dürfte, bei jeder Nutzung einer Übersetzung den oder die Urheberundine des Textes auch namentlich anzuführen. 
    Eigentlich sollte sich das ja auch schon aus Gründen der Höflichkeit von selbst verstehen: wer seine eigene kreative Leistung mit Versatzstücken der kreativen Leistung von jemand anders ausstaffiert, kann doch nicht einfach den Namen dieses anderen verschweigen – in anderen Genres heißt so etwas Plagiat.

Wie hat sich der ORF im Verlauf der Auseinandersetzung verhalten? War man um Verständigung und Ausgleich bemüht? Hat man sich entschuldigt, hat man Besserung versprochen?
Mit keiner Silbe. Das lief immer nur über die Anwälte.

Wie sieht eurer Beobachtung nach die Medienpraxis in Deutschland und der Schweiz aus? Gibt es im Vergleich zu Österreich Unterschiede bei der namentlichen Nennung von Übersetzern und Dolmetschern?
You tell me. Ich lebe seit 26 Jahren in Österreich und nehme das vor allem im Inland wahr. Aber klar, auch in Deutschland und der Schweiz werden nicht immer die Namen genannt. Ich denke, es herrscht allgemein eine gewisse Herablassung in dieser Frage: mal tut man’s, mal vergisst man’s. 
    Dahinter steht vermutlich, was ich einer uralten Verschwörungstheorie zufolge das „Desinteresse am Übersetztsein“ nenne: niemand im Literaturbetrieb hat wirklich ein Interesse daran, sich klarzumachen, dass es Übersetzungen gibt – die Verleger würden viel lieber den klingenden Namen des Originalautors verscherbeln, die Rezensenten zeigen auch ungern, dass sie das Original gar nicht lesen können, auch die Leser wollen lieber den bekannten Autor als eine Übersetzerin in der Hand haben … Aber das liegt alles nur an der geringen Präsenz, die das Genre Literaturübersetzen in der Öffentlichkeit besitzt. Die drei Tenöre oder die Philharmoniker bearbeiten ihre „Originale“ ja auch ständig (und wie!).
    Im übrigen wünsche ich meinen Kollegenundinen in Deutschland und der Schweiz natürlich, dass sie einmal einen ähnlich krassen Fall vorfinden, an dem sich eventuell auch dort ein Präzedenzfall aufhängen ließe. Ich bin mir auch sicher, dass die Justitiare der Verbände dort sich das ORF-Urteil bereits sehr genau durchgelesen haben.

Siehe auch 2002-04-13: David gegen Goliath – Übersetzer gewinnen Rechtsstreit gegen ORF.
Informationen zu Werner Richter finden Sie unter www.literaturuebersetzer.de im Übersetzerverzeichnis des VdÜ.

[Interview: Richard Schneider. Bild: Richter.]


Werner Richter