2002-10-15
70 Prozent der Elsässer wünschen sich Deutsch als erste Fremdsprache in der Schule
Die 1,7 Millionen Elsässer sind mit großer Mehrheit für Deutsch als erste Fremdsprache in der Schule. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die das Meinungsforschungsinstitut ISERCO im Auftrag der Tageszeitung Dernières Nouvelles d'Alsace durchgeführt hat. Rund 70 Prozent der 600 Befragten befürworten, dass die Schüler als erste Fremdsprache Deutsch und dann erst Englisch lernen.
    Das Ergebnis steht in augenfälligem Kontrast zur Situation auf der anderen Rheinseite. Dort wehren sich deutsche Eltern mit Bürgerinitiativen vehement gegen die vom Kultusministerium des Landes Baden-Württemberg beschlossene Einführung von Frühfranzösisch in den badischen Grundschulen. Die Eltern möchten, dass ihre Sprösslinge ebenso wie im Landesteil Württemberg in der Grundschule Englisch lernen. (Ganz anders die Situation im Saarland: Dort wird Französisch an den weiterführenden Schulen zur Zufriedenheit aller als erste Fremdsprache gelehrt.)

Die deutsche Sprache in Frankreich
Deutsch ist als Fremdsprache im Elsass weit verbreitet. Laut Straßburger Schulamt lernen 90 Prozent der Kinder im Kindergarten oder in der Grundschule Deutsch. In der Sekundarstufe sind es 47 Prozent der Schüler. 
    Im restlichen Frankreich ist Deutsch als Fremdsprache weit abgeschlagen. Landesweit wählen in den weiterführenden Schulen nur rund 8 Prozent Deutsch als erste und 13 Prozent als zweite Fremdsprache.

Französische Sprachpolitik im Elsass
Nach dem Ersten Weltkrieg betrieb Frankreich eine sprachliche und kulturelle Assimilationspolitik ohne jede Rücksicht auf elsässische Eigenheiten. Französisch wurde als offizielle und einzig erlaubte Sprache einer zu 90 Prozent deutschsprachigen Bevölkerung aufgezwungen. 
    Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutsch als „Sprache des Erbfeindes“ vollständig von den Schulen verbannt. Erst 1972 wurde Deutsch als „Fremdsprache“ wieder an den Schulen eingeführt.
    Gleichzeitig wurde der Bevölkerung eingeredet, dass es „chic“ ist, Französisch zu sprechen. Elsässisch wurde als bäuerlicher Dialekt ohne Zukunft hingestellt.

Renaissance der deutschen Sprache im Elsass
Erst in den 1970er Jahren wurde den Elsässern bewusst, dass sie mit der eigenen Sprache auch ihre kulturelle und regionale Identität verlieren würden. Es bildeten sich die ersten Vereinigungen zur Pflege des Elsässischen. Viele Künstler begannen, auf Elsässisch zu schreiben und zu singen.
    Die sich seitdem langsam entwickelnde Renaissance des Deutschen im Elsass darf freilich nicht überbewertet werden. Es ist zwar erfreulich, dass Frankreich die Wiederbelebung des alemannischen Dialekts in den östlichen Departements als kulturellen Gewinn und nicht mehr als Gefahr für die Einheit der Republik erkennt. Andererseits darf man nicht vergessen, dass sich diese Toleranz erst eingestellt hat, nachdem über Generationen hinweg das Deutsche rigoros bekämpft wurde, so dass die frühere Landes- und Mehrheitssprache heute die Sprache einer kulturbewussten Minderheit ist. (Dieses Schicksal teilt das Elsässische mit anderen Regionalsprachen Frankreichs. Nicht umsonst heißt es in der französischen Verfassung „La langue de la République est le Français“. Da bleibt kein Platz für Konkurrenzsprachen.)

Elsässisch vom Aussterben bedroht
Dass alle Bemühungen zur Wiederbelebung des Elsässischen wohl letztendlich vergebens bleiben werden, zeigt eine Studie, bei der vor zehn Jahren 2.216 Schüler im Elsass befragt wurden. 
    Die Forscher Marie-Noële Denis und Calvin Veltman beschrieben die Lage folgendermaßen: 63 % der Eltern der Schüler beherrschen das Elsässische aktiv, aber nur 34,4 % der befragten Schüler. 52,8 % der Schüler beherrschen den Dialekt immerhin passiv. Diejenigen, die den Dialekt noch aktiv beherrschen, sprechen mit ihren Eltern, Großeltern und ihren Angehörigen Elsässisch. Weniger als 10 % bedienen sich des Dialekts unter Freunden.
    Nur ein Drittel der Generation, der die befragten Schüler angehören, ist also in der Lage, das Elsässische weiterzugeben.
    Mit dem Aussterben des alemannischen Dialekts verlöre das Elsass seine Sonderstellung. Die Region ist der einzige Ort, an dem sich die deutsche und die französische Kultur vermischen und bereichern.

Chronik

  • 4.-17. Jahrhundert: Das Elsass gehört ununterbrochen zum deutschen Sprachraum.
  • 1648: Durch den Westfälischen Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg beendet, wird das Elsass ein Teil Frankreichs. Das Deutsche bleibt aber zunächst einzige Landessprache des Elsass. Der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. zeigt trotz absoluten Machtanspruchs und zentralistischer Verwaltung kein Interesse an einer Französisierung.
  • 1789: Mit den Fundamentalisten der Französischen Revolution hält die sprachliche Intoleranz Einzug. Eine einheitliche französische Sprache gilt als Voraussetzung zur Schaffung der politischen Einheit Frankreichs und so versucht man, die Elsässer zu guten Franzosen zu erziehen. Die französische Sprache dringt in der elsässischen Bevölkerung immer weiter vor. Außerdem wird das Elsass zum ersten Mal in zwei Departements (Haut-Rhin und Bas-Rhin) gespalten.
  • 1870/71: Nach dem deutsch-französischen Krieg und der Niederlage Frankreichs wird das Elsass als „Reichsland Elsass-Lothringen“ in das Zweite Reich integriert. Die französische Lebensart ist jetzt aber bereits ein fester Bestandteil der kulturellen Identität des Elsass. 
  • 1919: Nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg wird das Elsass durch den Versailler Vertrag Frankreich zugeschlagen.
  • 1940-1945: Nach der Kapitulation Frankreichs gehört das Elsass zusammen mit Baden als „Gau Oberrhein“ zu Deutschland.
  • 1945: Nach der Kapitulation Deutschlands wird das Elsass wieder in die République Française eingegliedert.
  • 1949: Straßburg wird Sitz des Europarats. Später hält auch das Europäische Parlament in Straßburg seine Plenartagungen ab.
  • 1995: Wegfall der Grenzkontrollen zwischen Deutschland, Frankreich und weiteren EU-Ländern.
  • 2002: Die einheitliche europäische Währung „Euro“ wird in 12 EU-Ländern alleiniges Zahlungsmittel.


Ausblick
Die europäische Einigung scheint für das Elsass im deutsch-französisch-schweizerischen Dreiländereck ein Segen zu sein. Mit dem Wegfall der Grenzkontrollen und der Einführung einer einheitlichen Währung hat die Anziehungskraft des Elsass auf Deutsche zugenommen. Die Region macht als Ausflugsziel inzwischen dem Schwarzwald Konkurrenz. Man fährt aber nicht nur zum Essen und Wandern ins Elsass. Seit einigen Jahren ist auch zu beobachten, dass viele in Karlsruhe, Rastatt oder Offenbach arbeitende Deutsche ihren Wohnsitz auf die linke Seite des Rheins verlagern. Der Grund ist freilich profan: Grundstücke und Eigenheime sind im Elsass offenbar billiger.
    Hoffen wir, dass es den Elsässern gelingt, ihre sprachliche und kulturelle Identität zu bewahren. Die dafür erforderlichen Freiheiten waren seit 1789 nicht mehr so ausgeprägt wie heute. Andererseits waren die demographischen Gegebenheiten aber auch noch nie so schlecht wie heute. Denn nur noch eine stetig kleiner werdende Minderheit beherrscht den wichtigsten Kulturträger, die elsässische Sprache.


[Text: Richard Schneider. Quelle: Stuttgarter Zeitung 2002-10-12 (Umfrage), div. elsässische Websites. Bild: Ungerer.]


Tomi Ungerer: 
„Straßburg kippt zu sehr ins Französische.“


Ungerer-Zeichnung: 
Der Elsässer zwischen Marianne und Germania