2002-12-04
Kennedy: „Die Fremdsprachen wollen wir lieber den Damen überlassen.“ Neues Buch von Kennedy-Dolmetscher Robert H. Lochner
Der in Deutschland aufgewachsene Amerikaner Robert H. Lochner (84) dolmetschte von 1945 bis 1955 für Militärgouverneur Lucius D. Clay und Hochkommissar John J. McCloy sowie Außenminister Acheson und Dulles, NATO-Kommandeur Eisenhower, Ex-Präsident Hoover und zahlreiche amerikanische Senatoren. Er war Dolmetscher bei der Berliner Vier-Mächte-Konferenz 1954 und den österreichischen Staatsvertragsverhandlungen in Wien 1955. 1961 dolmetschte er für Vize-Präsident Johnson bei dessen Berlin-Besuch und 1963 für Präsident Kennedy während des Aufenthaltes in Deutschland.
    Soeben ist sein Buch Ein Berliner unter dem Sternenbanner erschienen. Seine Tochter Anita Lochner stellt es morgen in Berlin im Alliierten-Museum an der Clay-Allee vor. „Mein Vater schrieb alles mit Schreibmaschine nieder, ich übertrug es in den Computer. Drei Jahre dauerte es bis zur Fertigstellung“, so Lochner, die das Werk lektorierte.
    Anita Lochner, die nach einem Schauspielstudium 27 Jahre an renommierten deutschsprachigen Bühnen engagiert war, arbeitet nebenberuflich als Synchronsprecherin und Übersetzerin von Film- und Fernsehdrehbüchern. Vor geladenen Gästen wird sie aus dem Kapitel „Der Kennedy-Besuch“ vortragen. 
    Robert H. Lochner hat immer wieder bei verschiedenen Gelegenheiten über seine Arbeit beim historischen Besuch Kennedys berichtet. Im RIAS-Archiv findet sich folgende Schilderung:
[In Washington:] Ich hatte mit der Schreibmaschine einige einfache deutsche Begrüßungsworte in großen Buchstaben auf ein Blatt Papier geschrieben, gab es dem Präsidenten, sprach ihm den ersten Satz langsam vor und bat ihn, ihn nachzusprechen. Er tat dies sehr wenig befriedigend, und als er hochguckte und mein wohl leicht bestürztes Gesicht sah, sagte er: „Not very good, was it?“ Was sagt man darauf zu einem Präsidenten? Mir fiel nichts Besseres ein, als möglichst ermutigend zu antworten: „Na, jedenfalls besser als Ihr Bruder Bobby.“ Der hatte nämlich bei seinem Besuch in Berlin einige Monate vorher versucht, ein paar Sätze auf Deutsch zu sagen, die aber schlicht unverständlich waren. Glücklicherweise reagierte der Präsident mit Humor; nach einer Unterbrechung durch ein längeres Telefongespräch mit dem Zeitungskolumnisten Joseph Alsop über alle möglichen Staatsgeheimnisse brach er unsere Übung ab und sagte lächelnd zu McGeorge Bundy: „Die Fremdsprachen wollen wir lieber den Damen überlassen.“ Mrs. Kennedy sprach bekanntlich fließend Französisch.
    Die vier Tage in Köln, Bonn, Frankfurt und Berlin waren dann über die zu erwartende Hektik hinaus reichlich nervenaufreibend. Dadurch, dass ich nicht mit der offiziellen Delegation aus Washington anreiste, sondern zwei Tage vorher von dem Gespräch mit Kennedy wieder nach Deutschland zurückgekehrt war, hatte sich niemand um die Spezialausweise für mich gekümmert, die man bei solchen Anlässen braucht. Schon bei der Ankunft in Köln-Bonn, wo ich Kennedys Ankunftsrede zu übersetzen hatte, wollte man mich nicht zu ihm lassen, und nur mit Beschwerden und Drohungen schaffte ich es, noch gerade rechtzeitig zu ihm zu gelangen. In der Frankfurter Paulskirche übersetzte ich Kennedys Rede simultan von einer Tonkabine aus, die hinter dem Raum lag. Als ich mich am Ende durch die herausströmende Menge gekämpft hatte, war der offizielle Konvoi längst unterwegs nach Wiesbaden, wo das Abendessen stattfinden sollte. Ich musste einen wildfremden Autofahrer, der auch nach Wiesbaden wollte, bitten, mich mitzunehmen, und mir in seinem Wagen meinen Smoking anziehen. Auch hier kam ich gerade noch rechtzeitig an.
    Der Empfang in Köln, Bonn und Frankfurt war schon enthusiastisch gewesen, verblasste aber gegen den in Berlin. Als wir im offenen Cadillac losfuhren, saßen Kennedy und Adenauer auf dem Rücksitz, und Willy Brandt und ich vor ihnen auf den Klappsitzen. Nach kurzer Zeit schlug Kennedy vor, man solle doch, um besser gesehen zu werden, stehen. Brandt und ich klappten also unsere Sitze hoch, die drei Herren hielten sich stehend an einer Stange an der Trennscheibe zwischen ihnen und dem Fahrer fest, und ich kroch zwischen ihren Beinen zum Rücksitz und kam mir recht überflüssig und lächerlich vor, da im Fond des Wagens in einsamer Pracht zu sitzen. Aus dieser Position war jedes Dolmetschen unmöglich, aber in den wenigen Fällen von Bemerkungen zwischen Kennedy und Adenauer besorgte Willy Brandt dies sehr elegant.
    Auf der Treppe zum Rathaus Schöneberg rief mich Kennedy zu sich und bat mich, ihm auf einen Zettel „I am a Berliner“ auf Deutsch aufzuschreiben; dummerweise hatte ich kein Papier bei mir, so dass ich, als wir in Willy Brandts Büro eintrafen, in dessen Schreibtischschubladen suchte und dort einen Bogen weißes Papier fand. Ich übte dann die Aussprache von „Ich bin ein Berliner“ mit dem Präsidenten in Willy Brandts Büro. McGeorge Bundy, seinem politischen Berater, wurde während der Rede sofort klar, dass die Aussage dadurch, dass sie auf Deutsch gemacht wurde, beträchtlich an Bedeutung gewonnen hatte. Als sich alle nach der Rede nochmals kurz in Brandts Büro aufhielten, konnte ich angesichts des Auftrags, mich immer in der Nähe des Präsidenten aufzuhalten, falls er mit Deutschen ins Gespräch käme, nicht umhin zu hören, wie Bundy zu Kennedy sagte: „I think that went a little too far“ („Das ging wohl ein bisschen zu weit“). Kennedy überlegte kurz und nahm dann einige Änderungen in seiner zweiten großen Rede vor, die er nachmittags in der Freien Universität halten sollte; diese Änderungen liefen auf einen etwas versöhnlicheren Ton gegenüber den Sowjets hinaus. Ich trug an Ort und Stelle die Änderungen in meine Kopie seiner Rede ein. Bis dahin und auch später sagte Kennedy absprachegemäß keinen anderen Satz auf Deutsch, und ich meine, dass er diese gewollte Steigerung der Aussage spontan unter dem Eindruck des überwältigenden Empfangs durch die Berliner gemacht hat.
    Leider war ich bei der Geschichte machenden „Ich bin ein Berliner“-Rede gerade nicht dran als Dolmetscher. Da ich schon in Köln, Bonn und Frankfurt, und morgens in Berlin beim Empfang am Flughafen und beim Treffen mit dem DGB gedolmetscht hatte, setzte Bundy als kollegiale Geste Adenauers Dolmetscher Heinz Weber ein, mit dem ich über viele Jahre eine angenehme Arbeitsteilung bei solchen Anlässen hatte.
    In drei Tagen erhält man als Dolmetscher, der sich ständig in der Nähe zu halten hat, einen recht genauen Eindruck. Der meine von Kennedy verstärkte nur die überaus positive Einstellung, die ich schon vorher zu ihm hatte. Mir fiel vor allem auf, dass er in der ganzen Zeit niemals zu irgend jemandem ein ungeduldiges oder unwirsches Wort sagte – sehr im Gegensatz zu Vizepräsident Johnson zwei Jahre vorher. Auch bekam ich zum Beispiel deutlich mit, auf einer Bank hinter Adenauer und ihm bei der Messe im Kölner Dom, welche Schmerzen ihm sein Rückenleiden bereitete, als er sich mehrfach hinkniete und dann wieder auf die Bank setzte.
    Vom Tod Kennedys im November 1963 erfuhr ich beim Abendessen im amerikanischen Offiziersklub Harnack House. Wie in der Nacht der Mauer raste ich zum RIAS. Wir stellten sofort das Programm auf ernste Musik um, und ebenfalls wie in der Nacht des Mauerbaus brachten wir zunächst alle 15 Minuten Nachrichten, später dann viele Reportagen aus Amerika. Sehr bald schon hatte Willy Brandt über den RIAS die Berliner aufgefordert, Kerzen in die Fenster zu stellen. Es war ein tief bewegendes Bild, als ich spät am Abend nach Hause fuhr und überall in Berlin in den Fenstern Kerzen brennen sah. Ich meine, dass die Berliner, die den strahlenden Kennedy erst vor wenigen Monaten so begeistert begrüßt hatten, mehr um ihn getrauert haben als die Bürger irgendeiner anderen Stadt, selbst in USA. 
Die entscheidenden Sätze aus Kennedys Berliner Rede hier im Zusammenhang:
Freedom is indivisible, and when one man is enslaved, all are not free. When all are free, then we can look forward to that day when this city will be joined as one and this country and this great Continent of Europe in a peaceful and hopeful globe. When that day finally comes, as it will, the people of West Berlin can take sober satisfaction in the fact that they were in the front lines for almost two decades.
    All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words "Ich bin ein Berliner."
Lochner wuchs als Sohn des Chefs des Berliner Büros der amerikanischen Nachrichtenagentur AP in Berlin auf. Nach dem Krieg wirkte er entscheidend am Aufbau neuer Medien in Deutschland mit. Er war unter anderem Leiter der Nachrichtenabteilung der vier US-Zonensender, Chef-Kontrolloffizier von Radio Frankfurt und Chefredakteur der Neuen Zeitung Frankfurt. Von 1958 bis 1961 wirkte er als Leiter der europäischen Abteilung der Stimme Amerikas in Washington. 1961 bis 1968 war er Direktor des Rundfunks im amerikanischen Sektor (RIAS) Berlin.
    Seine Dolmetschtätigkeit in den Nachkriegsjahren erfolgte stets nebenberuflich.
    Ein Berliner unter dem Sternenbanner. Erinnerungen eines amerikanischen Zeitzeugen. Auflage auf 300 vom Autor signierte Exemplare limitiert, 163 Seiten, handgebunden, 25 Euro. Erhältlich in den Berliner Buchhandlungen „Das Bücherkabinett“ und „Bücher am Nonnendamm“.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Berliner Morgenpost 2002-12-03, Die Welt 2002-12-03, RIAS-Archiv, John Fitzgerald Kennedy Library. Bild: CNN.]

Robert H. Lochner 


Kennedy 1963 bei seiner Rede unter freiem Himmel in Berlin


Lochner (links mit Brille) und Kennedy