2003-03-05
„Dolmetscher
sind Engel. Sie schweben in Glaskabinen kurz unter der Decke“
In einem profanen Zeitungsartikel
über eine EU-Parlamentarierin der Grünen finden sich geradezu
poetische Passagen über unseren Berufsstand:
Dolmetscher sind
Engel. In Brüssel, im Europaparlament, kann man das sehen. Sie schweben
über den Dingen. Über den Köpfen der Abgeordneten in Glaskabinen
kurz unter der Decke. Männer und Frauen von überall her. Sie
geben Worten Bedeutung. Sie machen Politik vorstellbar. Nur ob sie auch
Flügel haben, sieht man nicht, wenn man von unten zu ihnen heraufschaut.
Rauschen
im Kopfhörer. Die schwedische Dolmetscherin schnaubt sich die Nase.
Eine Naturgewalt. Der Kollege springt ein und verleiht der Abgeordneten
aus Frankreich seine raue Stimme. Französisch und Englisch beherrschen
sie alle, die Übersetzer, das ist Pflicht im Europa-Parlament.
Lustig
wird es mitunter bei exotischen Sprachen oder Dialekten. Wenn der griechische
Abgeordnete zum Beispiel verstehen muss, was sein Fraktionsfreund gerade
in Suomi über die defensive Strukturumwandlung in der Finanzpolitik
erläutert. Oder wenn der Spanier zur Linken den neusten Haushaltsentwurf
verreißt im schönsten Andalusisch.
Selbst die Besten unter
den Besten loggen sich da notgedrungen schon mal bei englischen Kollegen
ein. Die Übersetzung der Übersetzung ist schließlich besser
als gar nichts. Das gilt für alle in der Union, für die Deutschen,
die Franzosen, die Italiener, Niederländer, Dänen, Griechen,
Spanier, Portugiesen, Schweden, Österreicher, Luxemburger, Iren, Briten,
Finnen. Auch für die Belgier, selbst hier in Brüssel. Besonders
hier im Parlament, wo Nuancen oft Beschluss-bestimmend sind.
[Text: Richard Schneider.
Quelle: Lausitzer Rundschau 2002-11-28. Bild: Raffael, Detail aus „Sixtinische
Madonna“.] |
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