2003-04-09
„Mit jeder Sprache, die wir im Gehirn haben, werden wir etwas langsamer.“ – Uni Magdeburg untersucht Zweisprachigkeit
Zwei- und Mehrsprachigkeit ist in vielen Teilen der Welt die Regel und nicht die Ausnahme. Dennoch sind ihre Konsequenzen für die Sprachverarbeitung bisher nur unzureichend untersucht worden. 
    Wie kann der Mensch Sprachen auseinanderhalten, obwohl sie in derselben Hirnregion verarbeitet werden? Das ist vor allem dann der Fall, wenn beide Sprachen bereits in früher Kindheit erlernt wurden. Wenn die zweite Sprache erst später erlernt wurde, sind dagegen beide Sprachen im Gehirn räumlich stärker voneinander getrennt. 
    Weitgehend unbekannt ist auch, ob der Vorteil, mehrere Sprachen zu sprechen, mit Nachteilen erkauft wird – zum Beispiel in Bezug auf die Schnelligkeit der Sprachverarbeitung.
    Ein Forscherteam der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg um Thomas Münte und den spanischen Gastwissenschaftler Antoni Rodriguez-Fornells kann inzwischen erste Antworten auf diese Fragen geben. 
    In einem Versuch wurden Testpersonen zwischen 18 und 30 Jahren an Computerbildschirmen einzelne Wörter präsentiert. Diese waren entweder spanisch oder katalanisch oder es handelte sich um frei erfundene Wörter, die überhaupt keiner Sprache angehören. Die Aufgabe bestand darin, nur bei den spanischen Wörtern einen Knopf zu drücken. 
    Es gab zwei Gruppen von Versuchspersonen: Eine Gruppe spricht nur Spanisch, die andere Spanisch und Katalanisch.
    Die einsprachige und die zweisprachige Gruppe bewältigten die Aufgabe ohne größere Schwierigkeiten. Die Zweisprachigen zeigten allerdings dann, wenn katalanische Wörter vorkamen, die im Sprachgebrauch sehr häufig sind, eine leichte Verunsicherung.
    Die Beobachtung der Hirnaktivität mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanz ergab, dass bei den Zweisprachigen das so genannte posteriore inferiore Frontalareal deutlich aktiver war als bei den Einsprachigen. Vor allem bei den katalanischen Wörtern wurde diese Region stärker aktiviert. Sie ist wichtig für die phonologische Verarbeitung und die vor der tatsächlichen Aussprache auftretenden Probelautung.
    Beim Lesen, so nehmen Münte und seine Kollegen an, kann das Gehirn zwei Wege der Informationsverarbeitung wählen. Der eine Prozess ist die lexikalische oder Wortschatz-Route. Sobald das Gehirn die Schriftform des Wortes erfasst hat, schlägt es gewissermaßen im Lexikon dessen Bedeutung nach. Und zwar ohne den Zwischenschritt der stummen Aussprache zu nehmen. Das Wort wird gelesen und dessen Bedeutung sofort erfasst.
    Bei der Buchstabe-zu-Laut-Route hingegen werden die Buchstaben erst einmal in die Lautform umgewandelt. Das Gehirn spricht das Wort gewissermaßen erst einmal vor sich hin. Erst danach greift es auf den Wortschatz zu und erkennt die Bedeutung des Wortes.
    Die Analyse der Hirnaktivität zeigte, dass einsprachige Versuchspersonen den ersten Weg wählen, also die lexikalische Methode. Bei ihnen war nur eine Hirnregion aktiv. 
    Zweisprachler wählen den Umweg über die stumme Aussprache eines Wortes. Bei ihnen war zusätzlich die Region aktiv, in der die Lautbildung erfolgt. Sie benutzen also unbewusst einen Filter im Gehirn, der bereits am Klang eines Wortes erkennt, zu welcher Sprache es gehört. Die Sprachen werden auf diese Weise voneinander getrennt, noch bevor das Gehirn ihnen eine Bedeutung gibt. Dies funktioniert auch dann noch gut, wenn beide Sprachen – wie das Spanische und Katalanische – nah miteinander verwandt sind.
    Etwas anders verläuft der Vorgang beim Sprechen mehrerer Sprachen. Dabei laufen im Gehirn komplexere Vorgänge ab als beim bloßen Verstehen. Hier zeigte ein Versuch, bei dem deutsch-spanische Zweisprachler Bilder benennen mussten, dass die Zweisprachler um 20 Prozent langsamer reagierten. Der frontale Bereich des Gehirns muss bei ihnen wesentlich stärker arbeiten, um die Konfliktinformation, die aus der jeweils nicht benutzten Sprache kommt, zu unterdrücken.
    „Das heißt, mit jeder Sprache, die wir im Gehirn haben, werden wir etwas langsamer“, so Prof. Münte. Um dem verzögerten Sprechen entgegenzuwirken, empfehlen die Forscher, im Alltag möglichst selten zwischen den Sprachen zu wechseln.


Thomas Münte in der Sendung „nano“ auf 3sat

[Text: Richard Schneider. Quelle: 3sat nano 2002-10-25, Uni Magdeburg, Nature 2002-02-28, Nature 1999-06-17, Netzeitung 2002-02-28. Bild: 3sat, Nature. Videokonvertierung: Jürgen Herber.]


Thomas Münte


Die Gehirnaktivitäten der Einsprachler (oben) und Zweisprachler (unten) im Magdeburger Versuch