2003-07-21
Auch im Ruhrgebiet
wird betrogen und abgezockt. Eine ehemalige Mitarbeiterin packt aus
Der Prozess um die Berliner
Dolmetscheraffäre wirft zurzeit ein Schlaglicht auf die Missstände
beim Gerichts- und Polizeidolmetschen.
Unseriöses
und unverantwortliches Übersetzen und Dolmetschen, Fälle von
Abrechnungsbetrug und Bestechung sowie Auftragsmonopole gibt es aber nicht
nur in unserer verfilzten Hauptstadt. Aus einer Ruhrgebietsmetropole erreichte
uns der folgende Bericht einer Kollegin:
Ich habe vor einigen
Jahren sieben Monate als Festangestellte in einem Übersetzungsbüro
gearbeitet. Dieses stand in heftigster Konkurrenz zu einem benachbarten
Büro – wobei beide sich gegenseitig in puncto Unseriosität den
Kunden gegenüber sowie hinsichtlich der Ausbeutung der Mitarbeiter
in nichts nachstanden.
Das Büro
hat fast ausschließlich für die Justiz gearbeitet und die Region
in diesem Bereich komplett abgedeckt.
Bei Dolmetschaufträgen
hatten wir die strikte Anweisung, jeden Auftrag anzunehmen, selbst wenn
wir dafür niemanden in unserer Kartei hatten und nicht einmal wussten,
in welchem Land die angefragte Sprache gesprochen wird. Der Chef würde
schon jemanden finden.
Ich kann
mich daran erinnern, dass er mehrmals in einem Sprachenatlas nachgeschaut
hat, um welche Sprache es überhaupt geht. „Afrika? Aha! Der Mann muss
also schwarz sein!“ Daraufhin ist er in der Fußgängerzone herumgerannt
und hat wahllos jeden Schwarzen angequatscht, ob der nicht am Mittwoch
um 9 Uhr Zeit hat. Da sind Leute im Jogginganzug zum Landgericht gefahren,
die kaum auf Deutsch „Guten Tag!“ sagen konnten.
Ein noch
traurigeres Kapitel sind die Termine bei Untersuchungshäftlingen.
Die persönlichen Gespräche von Häftlingen mit ihren Angehörigen
usw. müssen nicht gedolmetscht werden. Der Dolmetscher soll nur zuhören,
um zu gewährleisten, dass die Betreffenden sich nicht über die
Straftat unterhalten und keine Absprachen bezüglich ihrer Zeugenaussagen
treffen. Der Dolmetscher muss also nur intervenieren, wenn über die
Straftat gesprochen wird. Dann wird das Gespräch bzw. der Besuch sofort
abgebrochen.
Nach
solchen Terminen kamen die „Dolmetscher“ häufig lachend ins Büro,
um zu kassieren, und erzählten, sie hätten von dem komischen
Dialekt oder auch von der Sprache (die sie gar nicht beherrschten, da nicht
großartig recherchiert wurde, um was es genau geht) kein einziges
Wort verstanden und wären fast eingepennt. Aber zum Glück müsse
man bei diesen Terminen ja nicht dolmetschen und es würde sowieso
kein Mensch merken.
Die festangestellten
Mitarbeiter wurden regelmäßig genötigt, in den Gerichten
herumzulaufen und wahllos Werbegeschenke an Hinz und Kunz zu verteilen.
Damals waren es zwar noch recht billige Sachen wie Kugelschreiber, Kalender
und Aschenbecher mit Firmenaufdruck, aber der Inhaber hatte lustigerweise
nebenbei auch ein Reisebüro ...
Bei der
Erstellung der Abrechnungen wurden wir immer wieder angewiesen, die Zahl
der Zeilen nach oben abzurunden.
Zu beglaubigende
Übersetzungen wurden von nicht ermächtigten Übersetzern
ausgeführt, manchmal auch handschriftlich. Wir Festangestellte durften
sie dann abtippen, ohne dass anschließend noch einmal Korrektur gelesen
wurde. Das galt auch für Sprachen wie Rumänisch, die niemand
von uns beherrschte. Alle diese Übersetzungen mussten wir abstempeln.
Unterschrieben
hat das in meiner Anfangszeit alles der Chef, obwohl er nur seine Muttersprache
und relativ schlecht Deutsch sprach. Als ich dann schließlich meine
Ermächtigung für zwei europäische Sprachen erhielt, wollte
er mich zwingen, in seiner Abwesenheit alles zu unterschreiben. Also auch
Übersetzungen in Sprachen, von denen ich kein Wort verstehe („Aber
Sie sind doch jetzt ermächtigt!“).
Als ich
mich standhaft weigerte, wurde mir wenig später gekündigt. Dem
Arbeitsamt war der Laden auch nicht unbekannt. Aber: „Da können wir
nichts machen. Der hat alle Richter hinter sich.“
Eine
Kollegin, die sich zu der Zeit in derselben Stadt selbstständig machen
wollte, sagte mir, sie müsse sich wohl auf Industrie und Technik konzentrieren,
denn „bei den Gerichten kriegst du hier wegen Firma X kein Bein mehr an
die Erde“.
Der Name des Büros und
der ehemaligen Mitarbeiterin sind dem Übersetzerportal bekannt. Die
ursprünglich noch sehr viel konkreteren Angaben haben wir anonymisiert,
um keine Rückschlüsse auf die Betroffenen zu ermöglichen.
Uns geht es hier um das Problem an sich und nicht um die Machenschaften
eines bestimmten Büros.
Weitere
Artikel zu diesem Thema finden Sie in unserem Dossier.
[Text: Richard Schneider.
Bild: Polizei NRW.] |
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