2003-09-08
„Powered by emotion“
heißt „Kraft durch Freude“? Englischsprachige Werbeslogans werden
nur selten richtig verstanden
Mit Werbeslogans, im Fachdeutsch
auch „Claims“ genannt, wollen Unternehmen ihre Zielgruppen emotional ansprechen
und ihre Produkte in einer bestimmten Art und Weise positionieren. Immer
mehr Unternehmen nutzen dazu auch in Deutschland die englische Sprache.
Die Endmark AG in Köln hat in einer repräsentativen Studie
untersucht, inwieweit englische Claims überhaupt verstanden werden.
Das Ergebnis erstaunte selbst die Kritiker von zu viel Englisch in der
deutschen Sprache.
Die meisten
der untersuchten Slogans wurden von der Mehrheit der Verbraucher gar nicht,
oder zumindest nicht im Sinne des jeweiligen Absenders verstanden. Von
zwölf derzeit in der Werbung offensiv kommunizierten Claims, die Gegenstand
der Untersuchung waren, wurden zehn von weniger als der Hälfte der
14- bis 49-Jährigen in vollem
Umfang verstanden.
Selbst
kurze Slogans wie „Be inspired“ (Siemens mobile) konnten nur 15 % von über
1.100 Befragten korrekt übersetzen. Schlusslicht mit 8 % bildete der
Unternehmensclaim des Energiekonzerns RWE: „One Group. Multi Utilities“,
während „Every time a good time“ (McDonald’s) und „There’s no better
way to fly“ (Lufthansa) immerhin noch von über 50 % annähernd
korrekt übersetzt werden konnten.
In einigen
Fällen glaubten viele Probanden einen Slogan zu verstehen, lagen mit
ihrer Interpretation jedoch weit neben der Intention des werbetreibenden
Unternehmens. So meinten immerhin 54 % zu wissen, was „Come in and find
out“ (Douglas) bedeutet, aber viele übersetzten diesen Satz mit „Komm
herein und finde wieder heraus“; nur 34 % konnten ihn korrekt auslegen.
Andere
Claims hingegen konnten zwar von einem Teil wörtlich übersetzt,
aber in keinen Verständniszusammenhang gebracht werden. So z.B. der
Claim „Drive Alive“ von Mitsubishi; denn die wörtliche Übersetzung
„fahre lebend“ ergab für viele Befragte einfach keinen Sinn.
Ein leichter
Ost-West-Unterschied im Verständnis der englischen Sprache konnte
nur noch bei der Altergruppe von über 30 Jahren festgestellt werden.
Mit zunehmendem Alter verstanden die Befragten in den neuen Bundesländern
weniger Englisch als die Vergleichsgruppe im Westen. Bei den unter 30-Jährigen
hingegen waren kaum noch
signifikante Unterschiede
feststellbar.
| Phantasielosigkeit
kann man den Befragten nicht vorwerfen. Hier die hilflosesten Versuche,
die unverständlichen englischen Slogans in sinnvolles Deutsch zu übersetzen:
Every time a good time
(McDonald's)
Jede Zeit ist eine gute
Zeit
Immer eine gute Zeit haben
Zeit einteilen
Alle Zeit ist Gottes Zeit
There's no better way
to fly (Lufthansa)
Da ist keine bessere Route
Nur Fliegen ist schöner
Nichts ist besser als Fliegen
Dort gibt es den besten
Weg für Flüge
Es gibt keine besseren Fliegen
Powered by emotion
(SAT.1)
Kraft durch Freude
Strom bei Emotion
Sexuell erregt sein
Elektrisierende Gefühle
Kraft und Gefühle
Ich zeige Emotionen
We are drivers too
(Esso)
Wir fahren nach ...
Wir sind zwei Fahrer
Wir fahren auch zu
Driven by instinct
(Audi TT)
Abdriften der Gefühle
Der Instinkt-Fahrer
Triefen vor Gestank
Fahren, Kaufen, Instinkt
Where money lives
(Citibank)
Wo Manni lebt
Das Leben des Geldes
Wo Money liebt
Wer liebt Geld
Wo lebt Geld?
Drive Alive (Mitsubishi)
Fahre ein Leben
Leblos-Fahrer
In Fahrt sein
Die Fahrt überleben
Fastfood-Kette (Drive In)
Be inspired (Siemens
mobile)
Ich bin angeregt
Verzaubert sein
Inspiziert sein
Bienen-Inspektion
One Group. Multi Utilities
(RWE)
Ohne Gruppe, multi ...
Viele Werkzeuge für
eine Gruppe
Ohne Gruppe Multi Kulti
Eine Musikgruppe (Die ,Multi
Utilities') |
Hintergrund
Warum versteifen sich angesichts
dieser Ergebnisse viele Unternehmen auf die englische Sprache in ihrer
Werbung? Bernd M. Samland, Vorstand der Endmark AG, sieht mehrere
Ursachen: „Im Vordergrund steht natürlich die Globalisierung des Marketings
frei nach dem Motto ,One world, one brand, one claim', wobei zuweilen die
ebenfalls englische Weisheit ,Every business is local' in Vergessenheit
gerät. Zudem gilt
Englisch als modern und
soll auch schon einmal dort Internationalität suggerieren, wo sie
gar nicht vorhanden ist.“
Aber
es gilt zu vermuten, dass auch unbewusste Gründe zur Inflation englischer
Begriffe und Werbesätze führen. Samland bemerkt dazu:
„Offensichtlich bewegt sich
die Sprache der Marketing-Macher in Unternehmen und Agenturen immer weiter
weg von der Sprachrealität ihrer Zielgruppen. Die Marketing-Sprache
ist nun einmal – wie das Wort ,Marketing' selbst – Englisch und ich habe
selbst schon genug Meetings in Englisch – insbesondere in großen
Konzernen – mitgemacht, bei denen sich erst am Ende der Sitzung herausstellte,
dass alle Teilnehmer Deutsche waren.“
Die Endmark
AG, die selbst den englischen Namenszusatz „International Namefinding“
trägt, entwickelt für nationale und internationale Unternehmen
seit zehn Jahren Markennamen und Claims, die heute in den meisten Fällen
auch gleich als Wortmarke geschützt
werden.
Dazu
Bernd M. Samland: „Bei unserer Arbeit stellt sich immer wieder die Frage
nach der Sprache. Häufig wollen sich auch mittelständische Unternehmen
an den Großen orientieren, indem sie bewusst einen englischen Claim
wünschen. Deshalb haben wir besonders stark umworbene Claims ausgesucht,
um einmal empirisch deren Rezeption zu untersuchen.“
Samland
weiter: „Das Ergebnis hat uns selbst überrascht. Es bedeutet sicherlich
kein generelles Aus für Anglizismen, zumal sich das Verhältnis
von Sprache und Markterfolg mangels Vergleichsmöglichkeit schlecht
ermitteln lässt. Es bleibt aber zu vermuten, dass einige Unternehmen
nicht wegen, sondern trotz ihrer englischen Claims in Deutschland Erfolg
haben. Generell gilt es zu unterscheiden, ob ,Simple English' wie etwa
,Test the West' oder ,sophisticated English' mit seltenen Vokabeln wie
,Utilities' oder mit Wortspielen, die nur ein guter Kenner der Sprache
versteht, zum Einsatz kommt. Bei bestimmten Zielgruppen kann die englische
Sprache durchaus Sinn machen, wie etwa im Umfeld von Trendsportarten, deren
Fachsprache ohnehin Englisch ist. Auch ist es
eher verständlich,
wenn eine Fluggesellschaft sich der internationalen Fliegersprache Englisch
bedient, als wenn ein Lokalradio dies tut. Bemerkenswert ist allerdings,
dass ein deutsches Unternehmen wie Siemens in Frankreich französisch,
in Spanien spanisch – aber in Deutschland englisch wirbt.“
Untersuchungsverfahren
Für die Studie wurden
im Juni und Juli 2003 in Hamburg, München, Köln und Leipzig insgesamt
1.104 repräsentativ ausgewählte deutsche Muttersprachler persönlich
befragt.
Diesen
wurden 12 Claims aus „hochfrequenter bundesweiter
Publikumswerbung“ vorgelegt.
Die Fragen lauteten:
1. Können Sie diesen
Werbeslogan übersetzen bzw. was bedeutet dieser Spruch auf Deutsch?
(Freie Antwort.)
2. Wie finden Sie persönlich
diesen Slogan? (Multiple Choice.)
a) gut (+)
b) keine Meinung/egal (o)
c) schlecht (-) |
[Text: Endmark. Quelle: PM
Endmark, 2003-09-04; RTL; WirtschaftsWoche, 2003-09-05. Bild: Endmark.] |
Bernd Samland
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