2003-09-30
Motto des Weltübersetzertags: „Rechte der Übersetzer“. Universitas feiert, ATICOM mahnt
Wie jedes Jahr am 30. September ist heute Weltübersetzertag. Und wie jedes Jahr haben unserer Berufsverbände diese Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen, souverän verpennt. Zum Glück gibt es zwei Ausnahmen: 
    Der österreichische Übersetzerverband Universitas veranstaltete gemeinsam mit den Literaturübersetzern der Übersetzergemeinschaft ein Hieronymustreffen im Wiener Literaturhaus. Der Medien- und Urheberrechtsexperte Dr. Alfred J. Noll, Rechtsanwalt und Universitätsdozent, sprach zum Thema „ÜbersetzerInnen und ihre Rechte“. Anschließend wurde zünftig gefeiert.
    Dem deutschen Verband ATICOM war nicht nach Feiern zumute. Aber er gab rechtzeitig vor dem 30. September eine mahnende Pressemitteilung heraus. Erfreuliches Ergebnis: Dragoslava Gradincevic-Savic vom ATICOM-Vorstand wurde am Übersetzertag von zwei Rundfunksendern zum telefonischen Live-Interview geladen. Und zwar vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und vom Hessischen Rundfunk (hr2), wo sie abends in der Kultursendung „Mikado“ zugeschaltet wurde. Nachfolgend die Pressemitteilung im Wortlaut: 
Jeden Tag schlagen Übersetzer und Dolmetscher Brücken der Verständigung zwischen den verschiedensten Kulturen. Bei Übersetzungs- und Dolmetschleistungen handelt es sich keineswegs um wortwörtliche Übertragungen von einer in die andere Sprache. Sie stellen vielmehr eine immer neu zu erbringende sprachliche Mediation der Vorstellungen unterschiedlicher Kulturen dar. 
    Der Weltübersetzertag steht dieses Jahr unter dem Motto „Rechte der Übersetzer und Übersetzerinnen“. Dieses Thema wird auch Diskussionsgegenstand eines dreitägigen Kongresses sein, der anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der FIT vom 20.-22. November bei der UNESCO in Paris stattfindet.
    Die Fédération internationale des traducteurs (FIT) ist ein weltweiter Zusammenschluss verschiedener Fachverbände für Übersetzer und Dolmetscher. Sie umfasst derzeit 115 Mitgliedsverbände in zirka 50 Ländern mit mehr als 60.000 in den genannten Bereichen tätigen Fachkräften. 
    Da der Beruf des Übersetzers bis heute gesetzlich nicht geschützt ist (Übersetzer darf sich leider jeder nennen), ist diese Thematik unverändert aktuell und brisant. Jeder, der sich mit der Arbeitssituation von Übersetzern auseinandersetzt, weiß, wie oft Aufträge an nicht entsprechend qualifizierte „Übersetzer“ vergeben werden, da diese „Übersetzungen“ vordergründig preisgünstiger erscheinen.
    Wie viele eklatante Missverständnisse und Konflikte durch qualitativ minderwertige Übersetzungen entstehen, lässt sich nur sehr schwer beurteilen. Tatsache ist jedoch, dass eine der täglichen Aufgaben der Übersetzer darin besteht, eben jene Texte „nachzubessern“ bzw. neu zu übersetzen, wenn bereits Schäden daraus entstanden sind. Kunden müssen somit Verluste finanzieller wie auch anderer Art hinnehmen, die von vornherein hätten abgewendet werden können, wenn professionelle Übersetzungsleistungen in Anspruch genommen worden wären. Damit wäre auch eine Art Verbraucherschutz für den Auftraggeber gewährleistet. 
    Qualitätssicherung und Aufklärung sind daher zentrale Themen, denen sich weltweit operierende Übersetzerverbände wie die vor 50 Jahren gegründete Fédération internationale des traducteurs (FIT) schwerpunktmäßig widmen, um eben jenen Trends entgegenzuwirken. 
    Die im Jahre 1963 veröffentlichte und 1994 überarbeitete Translator's Charter spricht die Empfehlung aus, den Beruf der Übersetzer und Übersetzungen als solche rechtlich schützen zu lassen – eine Empfehlung, die von der UNESCO bereits im Jahre 1976 aufgegriffen wurde (weitere Informationen zu diesen Themen finden Sie unter: www.fit-ift.org). 
    Allen diesen Bemühungen zum Trotz ist der professionelle Status des Übersetzers jedoch weit davon entfernt, rechtlich anerkannt zu werden, auch wenn die Globalisierung die Notwendigkeit von Übersetzungen immer wieder deutlich macht. Dies gilt ebenso für westliche wie für östliche Staaten. Ein Beispiel dafür ist die Auseinandersetzung um das Urheberrecht. Obwohl die Berner Übereinkunft Übersetzungen als eigenständige Originale anerkennt, wird das Urheberrecht der Übersetzer von Verlegern regelmäßig verletzt. 
    Aber auch weitere Rechte des Übersetzers werden nach wie vor in Frage gestellt: das Recht auf Arbeitsbedingungen, die es dem Übersetzer ermöglichen, qualitativ hochwertige Arbeit abzuliefern, das Recht auf eine angemessene Vergütung und nicht zuletzt das Recht auf die Anerkennung der Übersetzungsleistung als einer professionellen Tätigkeit, für die es nicht ausreicht, beide Sprachen zu beherrschen. 
    Das mangelnde Verständnis vieler Auftraggeber führt dazu, dass Übersetzer täglich die Notwendigkeit ihrer Ausbildung und ihre Honorare rechtfertigen müssen. Die Einführung von rudimentären Übersetzungsmaschinen im Internet und die von ihnen vermittelte trügerische Vereinfachung der Übersetzungsaufgaben trägt mit dazu bei, die Bedeutung des Übersetzens zu verwischen und das Berufsbild des Übersetzers zu beschädigen. 
    Das diesjährige Thema des Internationalen Weltübersetzertages soll dazu dienen, Mitgliedsverbände und die Weltöffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, dass professionelle Übersetzungen in der zwischenmenschlichen Kommunikation, für wirtschaftliche Zusammenhänge, den politischen Dialog und beim Aufbau und Erhalt sozialer Netzwerke auf internationaler Ebene unerlässlich sind.
Links zum Thema
2002-09-30 30. September: Todestag von Hieronymus, dem Schutzpatron aller Übersetzer
Universitas www.universitas.org
ATICOM www.aticom.de
FIT www.fit-ift.org

[Text: Richard Schneider. Quelle: ATICOM, Universitas. Bild: Archiv.]


Der heilige Hieronymus


Dragoslava Gradincevic-Savic