2003-10-08
„Sie sind weit mehr als Sprachmittler.“ Christina Weiss würdigt Übersetzer bei Eröffnung der Frankfurter Buchmesse
Gestern ist die Frankfurter Buchmesse eröffnet worden. Mehr als 6.600 Aussteller aus 104 Ländern präsentieren bis kommenden Montag ihre Werke. Dr. Christina Weiss (49), Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (von der Presse meist als „Kulturstaatsministerin“ bezeichnet), stellte die Übersetzer in den Mittelpunkt ihrer Rede. Das Übersetzerportal präsentiert die Passagen, die die anderen Medien verschweigen:
[...] Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit heute jedoch auf diejenigen lenken, ohne die wir den Dialog zwischen eigener und fremder Kultur nicht führen könnten: auf die Übersetzer. Sie sind weit mehr als Sprachmittler; stellvertretend für uns, die Leserinnen und Leser, haben sie sich auf die andere Seite begeben, sich – meist aus Passion, aus Neugier und meist ohne nach den Nutzen-Kosten-Relationen zu fragen – mit der fremden Sprache, dem fremden Land vertraut gemacht. Ohne die „Erfahrung am eigenen Leibe“ könnte nicht gelingen, was der Arbeit am Text erst ihre Grundlage gibt: die wechselseitige Verständigung. Übersetzer wissen besser als andere Menschen, wie nah Gelingen und Scheitern dieser Verständigung beieinander liegen. Ohne die manchmal verzweifelte Hoffnung, dass wir Menschen – in babylonische Verwirrung gestürzt – einander doch irgendwie verstehen können, weil mehr Gemeinsames als Trennendes existiert, könnten die Übersetzer, könnte niemand von uns arbeiten. 
    Indem die Übersetzer die eigene Sprache durch die fremde anschauen, erproben und in Bewegung versetzen, bereichern und differenzieren sie unsere gemeinsame. Deshalb ist jede gelungene literarische Übersetzung eine Bereicherung der jeweiligen Sprache insgesamt. „Jene reine Sprache, die in fremde gebannt ist, in der eigenen zu erlösen, die im Werk gefangene in der Umdichtung zu befreien“, ist nach Walter Benjamin die Aufgabe des Übersetzers. „Um ihretwillen bricht er morsche Schranken der eigenen Sprache: Luther, Voß, Hölderlin, George haben die Grenzen des Deutschen erweitert.“  Entsprechendes gilt auch für das Russische, das dank der übersetzenden Dichter Púschkin und Shukówskij, Lérmontow und Pasternák zu einer großen Übersetzersprache wurde. 
    In der noch ungeschriebenen Geschichte des Übersetzens ist das Kapitel über die deutsch-russischen Beziehungen vermutlich eines der spannendsten. 
    Wir kennen die Bilder, oft Wortspielen entsprungen, mit denen man von alters her die Übersetzer bedacht hat. Traduttore – traditore (der Übersetzer als Verräter), der Übersetzer als Fährmann, der uns ans andere Ufer bringt, als Brückenbauer über dem Abgrund des Nichtverstehens. 
    Nach Russland fährt man nicht im Boot, sondern in der Eisenbahn. Und da die Gleise im ehemaligen russische Imperium eine größere Spurweite haben als bei uns, wird der Zug an der einstigen polnisch-sowjetischen, heute weißrussischen Grenze, auf ein neues Fahrgestell umgesetzt. Spurwechsler, Mauerspringer, Papierschmuggler – diese Rolle kam vielen Übersetzern aus osteuropäischen Sprachen (in der Bundesrepublik wie in der DDR!) bereits in der Epoche des Ost-West-Konflikts zu. Wir sollten nicht vergessen, dass auch sie zu den Unermüdlichen gehörten, die Löcher in den Eisernen Vorhang gebohrt haben. Stellvertretend für andere, die sich eingerichtet hatten in der Teilung Europas, haben sie sich auf den Weg gemacht. [...] 
    Die Einrichtung dieses [Übersetzer-]Zentrums ist als Anlaufstelle für Übersetzer, Lektoren, Verleger und interessierte Fachbesucher gedacht. Es bedeutet zudem mehr Öffentlichkeit für die Arbeit der Übersetzer, die trotz einer gestiegenen Aufmerksamkeit für diesen Berufsstand, noch nicht genug gewürdigt wird. [...]
    Dass Übersetzer, deren Arbeit die so bewunderte Qualität und Vielfalt unseres Buchmarkts ermöglicht, noch immer um angemessene Honorare kämpfen müssen, ist unverständlich. Dass literarische Verleger mit jeder Übersetzung eines guten, aber schwer verkäuflichen Titels ein Risiko eingehen und sich gezwungen sehen könnten, künftig auf solche Titel zu verzichten, ist bedrohlich. 
    Ich möchte beide Seiten auffordern, kooperativer zu sein und mit Phantasie und gegenseitigem Wohlwollen nach einem gemeinsamen Weg zu suchen. Sie sind doch aufeinander angewiesen! [...]
    „Das Übersetzen ist eine der schwierigsten und verantwortungsschwersten Arten literarischer Arbeit... Im Akt des Übersetzens verbirgt sich eine an der Gesundheit zehrende nervliche Zerrüttung. Diese Arbeit ermüdet das Gehirn und trocknet es mehr aus als viele andere Arten schöpferischer Arbeit. Wenn man für einen guten Übersetzer nicht Sorge trägt, nutzt er sich schnell ab", schreibt der russische Dichter Ossip Mandelstám 1929 in einer zornigen Abrechnung mit dem jungen sowjetischen Verlagswesen; seine Diagnose ist leider von zeitloser Gültigkeit.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Bundesregierung.de, 2003-10-07. Bild: Bundesregierung.]

Christina Weiss