2004-01-14
BDÜ verärgert über unpräzise Presseberichterstattung
Immer wieder erscheinen in der Tagespresse Artikel über das Berufsbild des Übersetzers. Das ist erfreulich. Weniger erfreulich ist, dass die (in der Regel fachfremden) Journalisten die Aussagen ihrer Interviewpartner durch die knappe Form der Darstellung gelegentlich sinnentstellend oder gar falsch wiedergegeben. 
    Bei ihrer Recherche wendet sich die schreibende Zunft meist an den mit über 5.000 Mitgliedern größten Berufsverband der Branche, den BDÜ. Dort herrscht eine gewisse Verärgerung über den Murks, den man manchmal lesen muss, obwohl man den Pressefritzen doch alles haarklein erklärt hatte.
    Besonders heikel ist dies bei Angaben zu Zeilenpreisen oder Stundensätzen, die der BDÜ aus kartellrechtlichen Gründen grundsätzlich nicht abgeben darf und auch nicht abgibt (vor etlichen Jahren hat sich das Kartellamt deswegen tatsächlich einmal beim BDÜ gemeldet). 
    Verständlich ist, dass die Presse konkrete Zahlen hören will. Aber die Frage „was kosten Übersetzungen denn so pro Zeile?“ lässt sich gar nicht beantworten, da dies von der Sprachkombination, dem Fachgebiet, der Textsorte, dem Schwierigkeitsgrad und dem gewünschten Liefertermin abhängt. 
    In einem in der Heilbronner Stimme vor wenigen Tagen erschienenen Artikel werden Aussagen des frisch gebackenen BDÜ-Pressesprechers Norbert Koschyk wie folgt wiedergegeben:
Beinahe jeder neunte Übersetzer arbeitet frei, schätzt Norbert Koschyk vom Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) in Berlin. Für eine Zeile mit 55 Anschlägen sei im Schnitt ein Euro Honorar zu erzielen. 
Beide Aussagen sind nicht nur falsch, sondern so auch nie gemacht worden, wie uns Herr Koschyk mitteilte. Hier seine Stellungnahme im Wortlaut:
In Ihrer Nachricht über den Artikel in der Heilbronner Stimme schreiben Sie mir noch direkter als andernorts zu lesen die Äußerung von durchschnittlich einem Euro Honorar zu. Das kann ich in dieser Form nicht auf sich beruhen lassen. [Anm. d. Übersetzerportals: Die Formulierung haben wir inzwischen korrigiert.]
    Der BDÜ darf sich aus kartellrechtlichen Gründen nicht zu Preisen äußern, und genau das habe ich dem Autor in unserem Gespräch gesagt. Am Ende seiner umfangreichen Recherche scheinen ein paar Dinge durcheinander geraten zu sein, denn auch die Einschätzung „beinahe jeder neunte Übersetzer arbeitet frei(beruflich)" stammt mit Sicherheit nicht von mir. Nimmt man die Statistik des LV Bayern als repräsentativ, so wäre das Verhältnis etwa gerade umgekehrt.
    Aktuell schlägt auch ein Artikel in der c’t über die Kosten der Lokalisierung Wellen, in dem es heißt: „Der deutsche Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer kalkuliert für diese Aufgabe einen Preis von etwa einem Euro je Textzeile." Woher diese Weisheit stammt, entzieht sich meiner Kenntnis. Der BDÜ gibt durch seine Vertreter keine Preiskalkulationen ab.
Hier die Übersetzerportal-Artikel, auf die sich Herr Koschyk bezieht:
 
2004-01-11 Aufpreis für lokalisierte Software: Kostendeckung oder Abzocke?
2004-01-10 Wie werde ich Übersetzer? Die Heilbronner Stimme verrät es uns

Einen ähnlichen Fall gab es bereits im Sommer letzten Jahres. Damals hatte der BDÜ auf seiner Homepage klargestellt, dass der Journalist den BDÜ gar nicht gefragt hatte:
 
2003-07-27 Bausparkasse empfiehlt Jugendlichen das Übersetzen als Nebenjob

Das Internet-Angebot des BDÜ finden Sie unter www.bdue.de.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Norbert Koschyk (BDÜ), 2004-01-14. Bild: BDÜ.] www.uebersetzerportal.de


BDÜ-Präsidentin
Barbara Böer Alves