2004-02-13
Studiengang „Übersetzen
und Dolmetschen“ an FH München wird eingestellt. Einzige bayerische
Ausbildungsstätte auf Hochschulebene macht dicht
Der Studiengang „Übersetzen
und Dolmetschen“ an der Fachhochschule München (FHM) wird ab
dem Wintersemester 2003/2004 keine Studierenden mehr aufnehmen und damit
im kommenden Jahr auslaufen. Das beschloss der Senat der FHM in einer Sitzung
am 11.02.2004. Die zurzeit rund 70 eingeschriebenen Studierenden können
ihr Studium aber noch ordnungsgemäß abschließen. Der erst
1998 eingerichtete Studiengang ist für Sprachmittler in Bayern die
einzige Ausbildungsmöglichkeit auf Hochschulebene.
Die FHM-Präsidentin
Prof.
Dr. Marion Schick nennt zwei Gründe für die Schließung:
Übersetzen gehöre nicht zu den Kernkompetenzen der Fachhochschule
München und durch die speziellen strukturellen Probleme als „halbes“
Studium ohne Grundstudium sei der Studiengang nicht überlebensfähig.
Diese
Besonderheiten (siehe Kasten weiter unten) haben dazu geführt, dass
„Übersetzen und Dolmetschen“ mit lediglich einer einzigen Professorenstelle
(besetzt mit Prof. Dr. Thomas Meier-Fohrbeck) der personell am schlechtesten
ausgestattete Studiengang der FHM ist. Viele Lehrveranstaltungen werden
von Professoren anderer Fachbereiche oder durch Lehrbeauftragte abgedeckt.
Studiengangsleiterin
Prof.
Dr. Anne Hueglin ist Professorin für Englisch im Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen,
dem der Übersetzerstudiengang zugeordnet ist. Nach ihren Angaben ist
die Haushaltslage der FHM insgesamt so angespannt, dass im kommenden Sommersemester
einige Pflichtveranstaltungen im Kernbereich nicht angeboten werden können.
Da die Mittelknappheit allen Studiengängen gleichermaßen zu
schaffen mache, sei es auch nicht möglich gewesen, intern Kapazitäten
zugunsten des Übersetzens umzuschichten. Diese Situation werde sich
für die gesamte Fachhochschule im Wintersemester 2004/2005 noch verschlechtern.
Auch
Hueglin kam zu dem Schluss, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie wandte
sich gestern in einem Schreiben an die Studierenden:
Von Anfang an habe
ich – sowie die damalige Gründungskommission – versucht, dem Wissenschaftsministerium
als auch den zuständigen BildungspolitikerInnen klar zu machen, dass
der Studiengang als „Rumpfstudiengang“ ohne Unterbau nicht überleben
kann. Das wurde von Durchgang zu Durchgang deutlicher. Ohne die Bereitschaft,
einen kompletten Studiengang einzurichten, gab es für uns keine Hoffnung.
Ich habe fast neun Jahre in den Studiengang investiert und es war für
mich eine Freude, mit Euch zusammenzuarbeiten. So schmerzhaft es für
mich persönlich ist, muss ich auch gestehen, im bisherigen Stil einfach
weiterzumachen hat keinen Sinn.
Nach Angaben von Hueglin verfolgt
die bayerische Staatsregierung jetzt eine andere Strategie. Es gebe Anzeichen
dafür, dass den privaten Fachakademien eine Umwandlung in private
Fachhochschulen erleichtert werden soll.
Tanja
Burger, München, ist Absolventin des Studiengangs und war im vergangenen
Semester Lehrbeauftragte an der FHM. Sie kommentiert die aktuelle Entwicklung
wie folgt:
Ich habe 1993 am
Sprachen- und Dolmetscherinstitut (SDI) München den Abschluss zur
staatlich geprüften Übersetzerin gemacht und daraufhin das Schicksal
vieler Kolleginnen mit demselben Abschluss geteilt: Ich arbeitete mehrere
Jahre im Sekretariatsbereich – erstens, weil viele Übersetzerstellen
(und gehobenere Stellen allgemein) einen akademischen Abschluss voraussetzen
und zweitens, weil das Selbstbewusstsein eines Absolventen einer Fachakademie
nicht ausreicht, sich gehobenere Posten überhaupt zuzutrauen.
Als endlich
die Möglichkeit eröffnet wurde, in Bayern einen akademischen
Abschluss im Übersetzen zu erwerben, kündigte ich kurzerhand
meine Anstellung und nahm im Februar 1998 das erwähnte Studium an
der FH München auf. Hier wurde mein Abschluss an der Fachakademie
als Grundstudium anerkannt.
Die Studieninhalte
der Fachhochschule waren äußerst praxisnah und hatten dennoch
einen wissenschaftlichen Unterbau – eine echte Bereicherung. Mit meiner
Diplomarbeit hatte ich sogar das Glück, den ATICOM-Förderpreis
2002 zu erhalten.
Schon
während des Studiums begann ich meine selbstständige Tätigkeit.
Ich bin heute Mitgründerin und Mitinhaberin einer Übersetzungsagentur
in München und meinem Studiengang an der FH ein bisschen treu geblieben:
Im vergangenen Wintersemester war ich Lehrbeauftragte für die Schwerpunktvorlesung
„Einführung in die Softwarelokalisierung“.
Für
mich ist das Einstellen des Studiengangs eine logische Folge der Tatsache,
dass seine Lobby einfach zu schwach war. Ohne die Option, den Studiengang
auf ein „normales“ Vollstudium auszuweiten, war und ist er auf Dauer nicht
lebensfähig. Was bleibt, ist die Tatsache, dass es künftig in
Bayern nicht mehr möglich sein wird, als Übersetzer einen akademischen
Abschluss zu erwerben.
Der
Studiengang „Übersetzen und Dolmetschen“ an der Fachhochschule München
... wurde 1998 eingerichtet.
Die Besonderheit: Es handelt sich um einen „halben“ Studiengang, bei dem
lediglich das Hauptstudium an der FH absolviert wird. Das Grundstudium
muss gewissermaßen „mitgebracht“ werden. Diese Struktur wurde auf
Anregung der Fachakademien beschlossen, die damals offenbar um ihre Existenz
fürchteten.
Als Grundstudium
anerkannt werden die bestandene staatliche Prüfung für Übersetzer
bzw. die staatliche Prüfung für Übersetzer und Dolmetscher
in Bayern, wenn der Besuch einer Fachakademie für Fremdsprachenberufe
vorangegangen ist. Auf Antrag können auch andere Leistungsnachweise
auf die Diplom-Vorprüfung angerechnet werden, insbesondere die bestandene
staatliche Prüfung für Übersetzer und Dolmetscher anderer
Bundesländer.
Im Hauptstudium
werden die Fremdsprachen Englisch, Französisch und Spanisch sowie
die Fachgebiete Technik und Wirtschaft angeboten. Es gliedert sich in die
Studienrichtungen „Übersetzen im Fachgebiet Technik“ (Fachgebiet plus
eine Fremdsprache) und „Übersetzen im Fachgebiet Wirtschaft“ (Fachgebiet
plus eine Fremdsprache). Von Anfang an war auch eine Studienrichtung „Dolmetschen“
geplant (zwei Fremdsprachen ohne Fachgebiet), die jedoch nie realisiert
wurde. Das Hauptstudium umfasst drei theoretische und ein praktisches Semester,
das im fremdsprachigen Ausland abgeleistet werden soll. Prof. Dr. Anne
Hueglin beschreibt die weiteren Studieninhalte wie folgt:
Im Rahmen der Medienarbeit
wird eine Reihe von Kursen zum Thema Multimedia angeboten, einschließlich
Medienrecht für Sprachmittler, Einführung in HTML und Internet-Ökonomie.
Hinzu kommen Grundlagen der PR-Arbeit. Der Schwerpunkt Terminologiearbeit
beschäftigt sich in Theorie und Praxis mit den Grundlagen der maschinellen
Übersetzung sowie mit Translation Memory-Systemen. Zusätzlich
zu Terminologie-Management und Arbeitsmethoden großer Sprachendienste
ist es uns gelungen, die Softwarelokalisierung als festen Bestandteil dieses
Schwerpunkts zu integrieren. Im Schwerpunkt Technische Redaktion konzentrieren
sich die Studierenden auf die Konzeption und das Erstellen von technischen
Dokumenten sowie das Optimieren solcher Texte. Ferner erlernen sie die
Handhabung von Programmen wie PageMaker, FrameMaker, Photoshop und der
Office-Anwendungen – Programme, deren Beherrschung heutzutage von jedem
Übersetzer erwartet wird. Ferner werden die Studierenden in die rechtlichen
Grundlagen, Normen und Verordnungen eingeführt.
Die FHM ist mit 13.000 Studierenden
die größte Fachhochschule in Bayern. |
Links
zum Thema
| FHM |
Startseite
des Studiengangs „Übersetzen und Dolmetschen“ an der Fachhochschule
München |
| ATICOM |
Verleihung
des ATICOM-Förderpreises an Tanja Burger |
[Text: Richard Schneider.
Quelle: Tanja Burger, Anne Hueglin, 2004-02-11/12. Bild: FH München,
Fachverband Moderne Fremdsprachen, ATICOM.] www.uebersetzerportal.de |
Marion Schick
Anne Hueglin
Tanja Burger
(bei der Verleihung des
ATICOM-Förderpreises 2002, rechts der ATICOM-Vorsitzende Reiner Heard)
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