2004-02-23
Elke Schmitter: Literatur aus dem Englischen immer häufiger „verheerend übersetzt“
Die Journalistin und Schriftstellerin Elke Schmitter (43) stellt im Spiegel fest, dass Literaturübersetzungen aus dem Englischen immer schlechter werden. Als Beispiel führt sie den Roman John Henry Days von Colson Whitehead an, der gerade in deutscher Übersetzung erschienen ist. Schon der Autor konstruiere heillos verknotete Satzungetüme, aber:
Der Übersetzer hat die Sache noch verschlimmert – unter anderem durch eine ängstliche Wort-für-Wort-Übertragung, wie sie in der ersten Arbeitsphase üblich sein mag.
Nach Schmitters Ansicht wird Literatur aus den englischsprachigen Ländern von den Verlagen „fiebrig zusammengekauft und produziert“. Immer häufiger seien die Bücher „verheerend übersetzt“:
Alarmierend sind weniger die offensichtlichen Patzer, die ein Scheitern der Übersetzer an einer ohnehin verquasten, geronnenen und künstlich angedickten Prosa zeigen [...]. Alarmierend ist eher das Einsickern von Redeweisen, die eben nicht übersetzt, sondern nur wörtlich übertragen sind und auf die Dauer das Gefühl für das Deutsche, seinen Reichtum und seine Nuancen beschädigen. Die mediale Alltagssprache geht hier voran.
Und wo liegen die Ursachen? 
Dass jeder meint, Englisch zu können, ist mutmaßlich Teil des Problems. Denn wie ist zu erklären, dass gerade in diesem Bereich, wo die Auswahl an Übersetzern die größte ist, die Qualität in einem fort sinkt?
Schmitter wirft den Verlagen vor, den Überschuss an Übersetzern zu nutzen, „um an gleich zwei Stellen zu sparen: beim Honorar und beim Lektorat“.
Die enorme Konkurrenz gerade bei Übersetzern aus dem Englischen sorgt für sinkende Preise pro Seite und damit für steigenden Zeitdruck. Andererseits werden die Lektorate im Verlag zunehmend mit Marketing-Aufgaben belastet [...]. So bleibt keine Zeit, eine Übersetzung derart aufmerksam zu betreuen, wie es immer notwendig ist.
Den vollständigen Artikel können Sie im Spiegel lesen. (Externer Link, möglicherweise nicht mehr gültig.)
 
Elke Schmitter (43) wurde in Krefeld geboren und studierte in München Philosophie. Von 1992 bis 1994 war sie Chefredakteurin der taz in Berlin. Heute lebt sie in Hamburg und schreibt als freie Autorin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. 1981 veröffentlichte sie den Lyrikband Windschatten im Konjunktiv, 1998 ein Buch über Heinrich Heine. 2000 erschien ihr Roman Frau Sartoris, 2002 Leichte Verfehlungen.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Spiegel 8/2004. Bild: ?.] www.uebersetzerportal.de


Elke Schmitter