2004-04-20
Osama bin Laden beschäftigt jetzt eigene Übersetzer. Jüngste Botschaft enthält Texttafeln auf Deutsch und Englisch
Jetzt hat auch der Visionär und Vordenker islamistischen Terrors, Osama bin Laden, erkannt, wie wichtig Übersetzungen für die Außendarstellung international agierender Organisationen sind. Seiner jüngsten Botschaft fügte er eine offizielle Übersetzung ins Deutsche und Englische bei. 
    Bislang hatte er die Interpretation seiner Mitteilungen den Übersetzern von CIA und CNN sowie Laienübersetzern unter den deutschsprachigen Journalisten überlassen, die aus den englischen Fassungen jeweils deutsche Versionen zu basteln versuchten. Gut möglich, dass dabei so manche Nuance auf der Strecke geblieben ist – zum Ärger des Islamisten-Gurus, der sich oft missverstanden fühlt. 
    Mit diesem unprofessionellen Übersetzungs-Workflow ist jetzt Schluss. Endlich investiert auch Al Kaida einen Teil ihres Budgets in Übersetzungen. „Das ist ein Novum“, meint Salah Nagm vom Fernsehsender al-Arabija. Vor allem überrascht den Nachrichtenchef der TV-Station in Dubai, dass zunächst die deutsche und dann erst die englische Übersetzung eingeblendet wird.
    Die Übersetzung ist insgesamt gesehen offenbar in Ordnung, klebt aber gelegentlich zu nah am Ausgangstext. „Ein Schluck Vorbeugung ist besser als ein Zentner Behandlung“ heißt es zum Beispiel statt der treffenderen idiomatischen Wendung „Vorbeugen ist besser als Heilen“. Der Spiegel bemängelt darüber hinaus, dass einige Wörter verwechselt wurden („Verschwörung“ statt „Vereinbarung“, „Kapitulationsprozess“ statt „Friedensprozess“). 
    Auf schätzungsweise 10 Standardseiten kommen also zwei bis drei Übersetzungsfehler und einige ungeschickte Formulierungen vor – das entspricht nach Angaben von Richard Schneider vom Übersetzerportal dem Niveau durchschnittlicher Berufsübersetzer. „Gut möglich, dass Profis am Werk waren“, so Schneider. „Die enthaltenen Schnitzer hätte ein guter Korrektor leicht herausfischen können. Aber leider verzichten viele Büros – und offenbar auch Al Kaida – auf diesen wichtigen Schritt der Qualitätssicherung.“ 
    Der oder die Übersetzer bleiben klugerweise anonym, denn sie müssten mit einer Anklage wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung rechnen. Wer die falschen Texte oder für die falschen Auftraggeber übersetzt, wird eingesperrt – das ist in vielen Ländern der Welt seit Jahrtausenden so üblich. Gelegentlich – wenn es dem Zeitgeist entspricht – auch in Europa. 
    Die Arbeit der Übersetzer wird, das haben die Ereignisse seit dem 11. September 2001 gezeigt, von allen Seiten mit dem größtem Misstrauen verfolgt. „Die einen stellen vermeintliche Verräter unter den Dolmetschern vor ein Militärgericht (mit Androhung der Todesstrafe, wie in Guantanamo geschehen), die anderen erschießen uns kurzerhand als Kollaborateure (wie dutzendfach im Irak geschehen)“, so Schneider, der derartige Vorkommnisse auf seiner Website dokumentiert. „Man mag uns nicht – aber man braucht uns.“


 
Das jüngste Videoband wurde am 15.04.2004 von arabischen Fernsehsendern ausgestrahlt. Es enthält eine Tonbandbotschaft von Osama bin Laden, zu der sein Konterfei eingeblendet wird. Nach einem 23-minütigen Vortrag bin Ladens auf Arabisch, von dessen Echtheit Experten der US-Geheimdienste nach einem Stimmenvergleich überzeugt sind, folgt 7 Minuten und 20 Sekunden lang eine Übersetzung auf 37 Texttafeln in deutscher Sprache – wie es sich für einen Revolutionär gehört in neuer Rechtschreibung. Daran schließt sich die englische Übersetzung an.
    In der Botschaft „an unsere Nachbarn nördlich des Mittelmeers“, an die „Mehrheit der europäischen Völker, die Versöhnung wünschen“, und an „ehrliche Gläubige, insbesondere Gelehrte, Prediger und Händler“ macht bin Laden eine Art Waffenstillstandsangebot an jene Staaten Europas, die bereit sind, ihr Militär aus dem Irak, dem Nahen Osten und anderen arabischen Staaten abzuziehen. Die „Versöhnungsinitiative“ richtet sich an alle Europäer, die sich der „Gerechtigkeit unserer Angelegenheiten“ bewusst sind und dafür eintreten, die „amerikanische Verschwörung gegen die große islamische Welt“ zu stoppen.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Spiegel, 2004-04-19; Netzeitung, 2004-04-19. Bild: Archiv, Al Kaida.] www.uebersetzerportal.de


Osama bin Laden