2004-06-03
„Eine Blamage.“ – Uni Düsseldorf untersucht englischsprachige Webauftritte deutscher Banken
Komplizierte Schachtelsätze, Rechtschreibfehler und mangelndes Sprachgefühl attestiert eine Studie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf den englischsprachigen Webauftritten von Banken aus dem deutschen Sprachraum. Der Anglistik-Professor Dr. Dieter Stein hat die Untersuchung geleitet. Er meint: „Die Qualität ist absolut miserabel. Das ist eine Blamage. Für den Kunden ist es ein Schlag ins Gesicht.“
    Die Note befriedigend minus bis ausreichend erhalten Deutsche Bank, Commerzbank, West LB und Allianz. Noch schlechter schneiden Dresdner Bank und die Hypo-Vereinsbank (HVB) ab. Etwas besser stehen die Schweizer Kreditinstitute da. Das Handelsblatt schreibt:
Die auch im Ausland tätige WestLB stellt sich im Internet mit langen, komplizierten Sätzen vor, gespickt mit antiquierten Wörtern. So heißt es dort: „Three mutually strengthening pillars underpin the business model pursued by WestLB which is an international commercial bank as well as a competence center for the savings banks and mid-sized companies. WestLB is hence a financial partner for major corporate clients and financial institutions, mid-sized corporates, banks and insurance companies, public-sector clients and savings banks.“ Abgesehen von den sprachlichen Fehlern ist das eher schwer verdaulich für Angelsachsen, die kurze prägnante Sätze gewohnt sind.
    Die Dresdner Bank will auf ihrer Internetseite an den Träumen der Kunden teilhaben – „vision to share your dreams“. Und die HVB verwirrt den Kunden gleich zu Beginn: „What distinguishes the HVB Group and what should you know in any case about us? Here we arranged the substantial facts, so that you can make yourself a picture of the HVB Group. Do you miss something? Please contact us!“ Den Sätzen merkt man an, dass sie wörtlich aus dem Deutschen übersetzt sind.
Mangelnde Selbstkritik im Topmanagement ist laut Prof. Dr. Stein die Ursache des Schlamassels: „Das Problem ist ganz oben.“ Auslandserfahrene Mitarbeiter des mittleren Managements sähen das Problem durchaus. „Aber bis nach oben dringt das nicht durch“, stellt Stein resigniert fest. Er vermutet, dass oft die Sekretärin als Übersetzerin herangezogen werde, „weil sie im Sprachkurs in Brighton war“.
    Das Übersetzerportal glaubt hingegen, dass hier zu Unrecht auf die Sekretärinnen eingedroschen wird. Denn auch die auslandserfahrenen Fach- und Führungskräfte neigen, was ihre Englischkenntnisse angeht, zur maßlosen Selbstüberschätzung. 
    Selbst in den Fällen, in denen Berufsübersetzer am Werk waren, ist das Ergebnis nicht immer überzeugend, denn gerne werden die simpelsten Grundsätze der Qualitätssicherung missachtet.
    So ist das Übersetzen in die Fremdsprache – insbesondere ins Englische – eine in Deutschland weit verbreitete Unsitte. Sie verstößt gegen das oberste Gebot der Branche, das da lautet: Ein Übersetzer übersetzt ausschließlich aus der Fremdsprache in die Muttersprache.
    Ein Teil des Problems ist jedoch der seit Jahrzehnten bestehende Mangel an übersetzerisch qualifizierten englischen Muttersprachlern. Da die Zahl der Deutschlerner im Ausland weiter zurückgeht und die ohnehin zu geringe Zahl der an deutschsprachigen Unis eingeschriebenen Briten und Amerikaner bestenfalls stagniert, wird sich an dieser unbefriedigenden Situation im Sprachenpaar Deutsch-Englisch auch in Zukunft nichts ändern.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Handelsblatt, 2004-06-03. Bild: Uni Düsseldorf.] www.uebersetzerportal.de

Dieter Stein