2004-06-14
„Stummer Dolmetsch“, „Wehrmacht-Sprachführer“ und „Bilder-Wörterbuch“: Hilfsmittel zur Verständigung mit dem Feind im Zweiten Weltkrieg 
Im Krieg sind Dolmetscher und Übersetzer unentbehrlich, wie der gegenwärtige Konflikt im Zweistromland zeigt. Aber Militärdolmetscher sind Mangelware und können nicht überall sein. Deshalb werden dem einfachen Soldaten oft Hilfsmittel zur sprachlichen Verständigung mit dem Feind in die Hand gegeben. 
    Dass die Soldaten der Wehrmacht beim Überfall auf die Sowjetunion zumindest in sprachmittlerischer Hinsicht besser vorbereitet waren als die Amerikaner und ihre Verbündeten beim Überfall auf den Irak, zeigen die folgenden drei Fundstücke: 
  • Der „Stumme Dolmetsch“, 
  • die „Wehrmacht-Sprachführer“ und 
  • das „Bilder-Wörterbuch“.
    Der „Stumme Dolmetsch“ ist ein pfiffiges Instrument in den Abmessungen 13 x 18 cm, das einer Parkscheibe ähnelt. Auf Vorder- und Rückseite sind jeweils 20 Fragen, Befehle und Sätze abgedruckt, die mit einer Nummer versehen sind. Stellt man die Drehscheibe auf die gewünschte Nummer ein, erscheint in einem Sichtfenster die russische Übersetzung. Zusätzlich befinden sich auf beiden Seiten insgesamt 90 Abbildungen, auf die man zeigen kann.
    Die 40 Sätze verteilen sich auf die Themen „Befehle“, „Fragen“, „Verhör“, „Erkundung“ und „Quartier“ und sind auf den Fotos gut lesbar. Der Kasten oben rechts auf der Rückseite enthält „Deutsche Wörter, die der Russe versteht“ (Artillerie, Kavallerie, Front, Radio, Gas, Motor, Bunker, Kapitulation usw.).


Vorderseite des „Stummen Dolmetschs“ Deutsch-Russisch


Rückseite des „Stummen Dolmetschs“

Für den fortgeschrittenen Anwender waren die unten abgebildeten „Wehrmacht-Sprachführer“ gedacht, die jeweils 48 Seiten stark sind und dank der geringen Abmessungen (9 x 14 cm) in jede Uniformtasche passen. Sie enthalten sogar Genusangaben zum zielsprachlichen Ausdruck, der auch in Lautschrift abgedruckt ist.
    Die Autoren des Bandes Deutsch-Russisch sind „Ferdinand Frhr. v. Ledebur, Hauptmann a.D., unter Mitwirkung von Gerhard Leyst, Militärsprachlehrer, Militärdolmetscher“. Erschienen im Junker und Dünnhaupt Verlag, Berlin, 1941.
    Deutsch-Englisch: „Ferdinand Frhr. v. Ledebur, Hauptmann a.D., unter Mitwirkung von Dr. Oskar [?] und Dr. [?], [?]“. Erschienen im Junker und Dünnhaupt Verlag, Berlin, 1940.


Wehrmacht-Sprachführer Deutsch-Russisch und Deutsch-Englisch
 


Hauptmann Dr. Rupprecht Gerngroß, 1945 Chef der Dolmetscher-Kompanie des Wehrkreises VII

Gerngroß war in den letzten Kriegstagen Anführer eines Putschversuchs („Freiheitsaktion Bayern“) gegen das Naziregime in Bayern. Ihm zu Ehren wurde nach dem Krieg in München-Schwabing ein Platz in „Münchner Freiheit“ umbenannt
 
 

 


Beispielseiten aus den beiden oben genannten Wehrmacht-Sprachführern


Inhalt und Gebrauchsanweisung des Sprachführers Deutsch-Russisch
 
Ebenfalls an der Ostfront eingesetzt wurde das „Bilderwörterbuch zur Verständigung ohne Sprachkenntnisse deutsch-russisch“. Herausgegeben von O. Borgmeyer „unter Mitarbeit des Osteuropa-Institutes zu Breslau“, das eine „Abteilung für Sprachwissenschaft, Literatur und Geschichte“ besaß. Verlag: Frankes Verlag und Druckerei, Breslau. Das Heft im Format 10 x 14,5 cm hat 50 Seiten.
    Die Grundnahrungsmittel der Frontsoldaten sind auf der Titelseite abgebildet: Bier und Zigaretten.

Gerne sehen sich Dolmetscher als eine Art Wohltäter im Dienste der Völkerverständigung. Im Lauf der letzten Jahrtausende dürften die wesentlichen Anstöße zur Professionalisierung unseres Berufs jedoch zunächst vom Militär gekommen sein. Auch die weltweit größte Ausbildungseinrichtung für Übersetzer und Dolmetscher in Germersheim verdankt ihre Existenz den Streitkräften. Sie wurde 1947 von der französischen Besatzungsmacht gegründet. 
    Leider scheint es keinerlei fundierte Untersuchungen zur Geschichte unserer Berufsgruppe vor 1945 zu geben. Ein weites, noch unbeackertes Feld, das sich für Diplomarbeiten und Dissertationen geradezu anbietet.


„Dolmetscher Hoffmann“ (ganz links am Bildrand) an der Ostfront: 
Das Foto trägt folgende Bildunterschrift: „Offiziere des Infanterie-Regiments 41 nach der Eroberung des schwer umkämpften Ortes Brzozow [Polen] am 19. September 1939. V.l.n.r: Dolmetscher Hoffmann, Lt. Hornbach, Lt. Frhr. v. Berchem (mit Kopfverband), Oberstlt. Schmidt, Kdr. III./41, Lt und Rgts. Adj. Fischer, Oberst Gollwitzer, Kdr. IR 41, Stabsarzt Dr. Sprügel, Ass. Arzt Dr. Dirrigl, Lt. Kolb.“

Links zum Thema
2003-04-04 Irak-Krieg: Wie die Alliierten versuchen, die Sprachbarriere zu überwinden
2002-05-16 Afghanistan: „Phraselator“ übersetzt Befehle der US-Soldaten

[Text: Richard Schneider. Bild: Die Buch-Abbildungen stammen von zwei Antiquaren, die die Sachen im Internet zum Kauf anbieten. Das Gruppenbild ist dem Lexikon der Wehrmacht entnommen.] www.uebersetzerportal.de