2004-06-16
Dolmetscher-Gilde und Reichsfachschaft für das Dolmetscherwesen: Gab es ein Verbandsleben vor dem BDÜ?
Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) feiert dieses Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass hat der mit 5.300 Mitgliedern größte Berufsverband im deutschsprachigen Raum die aktuelle Ausgabe seiner Mitgliederzeitschrift MDÜ ganz der Rückschau auf die vergangenen fünf Jahrzehnte gewidmet. Die Texte namhafter Autoren bieten auch langjährigen Verbandsaktivisten eine Vielzahl neuer Informationen.
    Dennoch bleibt kritisch anzumerken, dass das Heft von einer nur schwer nachvollziehbaren Stunde-null-Weltsicht durchzogen ist: Das erste universitäre Ausbildungsinstitut im deutschsprachigen Raum sei in den 1930er Jahren in Heidelberg gegründet worden, die ersten Berufsverbände seien in den 1950er Jahren entstanden und ebenfalls erst nach dem Zweiten Weltkrieg habe eine Professionalisierung des Berufsstandes stattgefunden.
    All dies erscheint wenig plausibel angesichts der Tatsache, dass es in all den Jahrhunderten deutscher Geschichte immer auch Dolmetscher und Übersetzer gegeben hat. Stets ohne Ausbildung? Stets ohne berufsverbandsähnliche Vereinigungen in einem Land, das für seine Vereinsmeierei weltweit bekannt ist?
    Schon die Geschichte von der Vorreiterrolle der Uni Heidelberg in den 1930er Jahren ist nachweislich ein Märchen. Die universitäre Sprachmittlerausbildung begann schon 1887, als Bismarck am Seminar für orientalische Sprachen der damaligen Königlichen Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin „Dragomane“ (Dolmetscher) für das Auswärtige Amt ausbilden ließ. Die Palette der Sprachen wurde nach und nach erweitert. 1897 wurden Dolmetscher für Arabisch, Chinesisch, Griechisch, Japanisch, Persisch, Russisch, Spanisch, Suaheli und Türkisch ausgebildet. Bis 1926 kamen noch (in der Reihenfolge der Einführung) Englisch, Französisch, Rumänisch, Portugiesisch, Polnisch, Tschechisch, Italienisch und Serbokroatisch hinzu. (Ein Sprachenangebot, von dem die heutigen Übersetzer-Unis nur träumen können.) Die universitäre Sprachmittlerausbildung kann damit in Deutschland auf eine Tradition von 117 Jahren zurückblicken.
    Zum Stichwort Professionalisierung sei auch auf die Dolmetscherausbildung beim Militär verwiesen. Sigrid Kester weist im aktuellen MDÜ (2/2004, S. 8) darauf hin, dass manche der vom BDÜ aufgenommenen Sprachmittler den Krieg in einer so genannten Dolmetscherkompanie verbracht haben. Internetrecherchen fördern leider nur wenige Dokumente über die Kriegs- und Vorkriegszeit zutage. Es scheint aber durchaus möglich, dass allein die Wehrmacht an ihren Dolmetscherschulen mehr hauptberufliche Sprachmittler ausgebildet und in den Streitkräften beschäftigt hat als der BDÜ heute Mitglieder zählt.
    Auch die gleichgeschaltete Reichsfachschaft für das Dolmetscherwesen (RfD) war unter der Leitung von Otto Monien straff durchorganisiert und bot eine zweijährige Vollzeitausbildung, eine Teilzeitausbildung in Abendkusen und regelmäßige „Studienhefte“ zur Weiterbildung an. Außerdem unterhielt sie einen „Dolmetscher-Bereitschaftsdienst“. Monien war Leiter einer „Reichsfachschule für das Dolmetscherwesen“ und gab zahlreiche Schriften (vor allem die Studienhefte der RfD) und Bücher heraus. Nach dem Krieg machte er Karriere im Bundesministerium der Verteidigung und war dort Leiter des Sprachenreferats. 1958 gab er das Taschenbuch Langenscheidts Texte für Soldaten (Deutsch/Englisch) heraus.
    Von einer Professionalisierung erst nach dem Zweiten Weltkrieg kann also keine Rede sein. Vielmehr wurde die Dolmetscherausbildung spätestens in den 1930er Jahren als Kriegsvorbereitung professionalisiert.
    Auch die als Gewissheit dargestellte Vermutung, dass es vor den nach Kriegsende gegründeten und im BDÜ aufgegangenen Verbänden keine Vereinigungen von Sprachmittlern gegeben habe, dürfte einer genaueren Untersuchung kaum standhalten.
    Schon eine kurze Recherche im Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher zeigt, dass in den 1920er Jahren (wahrscheinlich in Köln) eine Dolmetscher-Gilde e.V. mit eigenem Verlag existierte. Und was ist mit der besagten nationalsozialistischen „Reichsfachschaft für das Dolmetscherwesen“? War das nicht auch eine Art Berufsverband oder gar Kammer? Niemand weiß das so genau. Und es scheint, dass das nach dem Krieg auch niemand mehr so genau wissen wollte.
    Natürlich war es nicht die Aufgabe des MDÜ-Jubiläumsheftes, die Kriegs- und Vorkriegsgeschichte aufzuarbeiten. Aber man hätte die Verbandsgründung vielleicht nicht so sehr als Stunde null darstellen sollen (nach dem Motto „vor uns gab es nichts, und mit uns und nach uns wurde alles besser“). Das Jahr 1945 brachte mitnichten eine Stunde null – schon gar nicht für unsere Berufsgruppe, die zu den ältesten der Welt gehört.


Ein Mitgliedsausweis des Dolmetscher-Bereitschaftsdienstes der RfD mit der Unterschrift des Reichsfachschaftsleiters Monien. (Wurde von einem Auktionshaus angeboten und vom Übersetzerportal aufgekauft.)

Link zum Thema
2004-06-15 50 Jahre BDÜ: Lesenswertes MDÜ-Schwerpunktheft zur Verbandsgeschichte
[Text: Richard Schneider. Bild: Auktionshaus Schwerdt.] www.uebersetzerportal.de