| 2004-07-10
Patientin verwechselt, weil „kein Dolmetscher greifbar“: Kaiserschnitt statt Herztonuntersuchung Am Landeskrankenhaus und Universitätsklinikum Graz wurde am 26.06.2004 bei einer Frau, die sich erst in der 28. Schwangerschaftswoche befand, völlig unnötig eine Kaiserschnitt-Geburt durchgeführt. Man hatte sie mit einer anderen Patientin verwechselt, die sich bereits in der 40. Woche befand. Beide Frauen sind Türkinnen, die praktisch kein Wort Deutsch sprechen. Bei der irrtümlich operierten Frau hätten eigentlich nur die Herztöne des Babys kontrolliert werden sollen. Das Kind, ein Mädchen, wog bei der Geburt nur 1.200 Gramm. Nach Angaben des Krankenhauses geht es ihm den Umständen entsprechend gut. Die Frau werde eine „entsprechende finanzielle Entschädigung“ erhalten. Bei Gesundheitsschäden am Kind stünde ihr darüber hinaus Schadenersatz zu. Der ärztliche Direktor Günther Bergmann „bedauert“ den Vorfall und zeigt sich „zutiefst betroffen“. Wie konnte es zu der fatalen Verwechslung kommen? Die Türkinnen waren auf demselben Zimmer untergebracht. Als per Lautsprecher die Frau, bei der der Kaiserschnitt durchgeführt werden sollte, aufgerufen wird, meldet sich die Herzton-Patientin. Sie bekommt die Krankenakte der Kaiserschnitt-Patientin in die Hand gedrückt und wird in den Kreißsaal geschickt. Sie versucht zu protestieren, aber niemand versteht, worüber sich die Frau aufregt. Im Kreißsaal wird die Geburt eingeleitet. Erst jetzt gelingt es Familienangehörigen der auf dem Zimmer zurückgebliebenen Türkin, das Klinikpersonal auf die Verwechslung aufmerksam zu machen. Zu spät, denn zu diesem Zeitpunkt war bei der im Kreißsaal befindlichen Frau bereits das Fruchtwasser abgelassen worden. Die Ärzte berieten sich daraufhin mit deren Familie und entschieden sich dafür, das Kind per Kaiserschnitt auf die Welt zu bringen. Warum wurde kein Dolmetscher hinzugezogen, obwohl für jedermann ersichtlich war, dass eine Verständigung zwischen den Patientinnen und dem medizinischen Personal nicht möglich war? Direktor Bergmann erklärt, dass im Krankenhaus regelmäßig mehrere Dolmetscher im Einsatz seien. In diesem Fall sei angesichts des Zeitdrucks aber „keiner greifbar“ gewesen. Um künftig derartige Verwechslungen zu vermeiden, legt die Grazer Gebärstation werdenden Müttern ab sofort schon bei der Aufnahme in die Klinik ein Identifikationsarmband an – und nicht erst, wie bislang üblich, nach der Geburt. Inzwischen befassen sich die Patientenombudsfrau der Steiermark, Renate Skledar, die von einer „dramatischen Verkettung unglücklicher Umstände“ spricht, und die Staatsanwaltschaft mit dem Fall.
Links zum Thema
[Text: Richard Schneider. Quelle: Presse, 2004-07-10; Standard, 2004-07-10; Oberösterreichische Nachrichten, 2004-07-10. Bild: Landeskrankenhaus Graz.] www.uebersetzerportal.de |
Landeskrankenhaus Graz
|