2004-10-25
„Habseligkeiten“
ist schönstes deutsches Wort. Deutscher Sprachrat und
Goethe-Institut
kürten Gewinner des Wettbewerbs
Die Jury des Deutschen
Sprachrats und des Goethe-Instituts haben gestern in
Köln
die Gewinner des internationalen Wettbewerbs „Das schönste
deutsche
Wort“ bekannt gegeben. Entscheidend war nicht, wie oft ein Wort genannt
wurde, sondern wie die Einsender ihre Wahl begründeten.
Der Jury
gehörten unter anderem Jutta Limbach (Präsidentin des
Goethe-Instituts),
Herbert Grönemeyer (Sänger), Prof. Dr. Rudolf Hoberg
(Vorsitzender
der Gesellschaft für deutsche Sprache), Fritz Pleitgen
(ARD-Vorsitzender),
Joseph Vilsmaier (Regisseur) und Dr. Matthias Wermke (Leiter der
Duden-Redaktion)
an. Insgesamt waren 22.838 Einsendungen aus über 100 Ländern
eingegangen.
Hier
die Gewinner:
Habseligkeiten,
1.
Platz
Die Begründung
der
Einsenderin Doris Kalka, Deutschland:
„Das Wort bezeichnet
nicht
den Besitz, nicht das Vermögen eines Menschen, wohl aber seine
Besitztümer,
und es tut dies mit einem freundlich-mitleidigen Unterton, der uns den
Eigentümer dieser Dinge sympathisch und liebenswert erscheinen
lässt.
Typischer
Vertreter dieser Klasse von Eigentümern ist etwa ein
6-jähriges
Kind, das den Inhalt seiner Hosentaschen ausbreitet, um sich am
Reichtum,
an der Vielfalt der geliebten Sammlung zu erfreuen.
Oder
das Wort bezeichnet – die mehr vom Mitleid geprägte Variante – den
spärlichen Besitz dessen, der sein Zuhause verliert und sein
karges
Hab und Gut für alle sichtbar transportieren muss, zu welchem
Unterschlupf
auch immer.
Nur schwer
lässt sich das Wort im Singular vorstellen: Eine Habseligkeit? –
So
einfach ist die Seligkeit nicht zu erringen.
Vielfältig
und wie zufällig muss die Ansammlung von auf den ersten Blick
wertlosen
Gegenständen sein, um das Prädikat der Habseligkeiten zu
verdienen.
Dabei muss sie aber zugleich für ihren Besitzer einen Wert
darstellen,
der sich aus seinem individuellen seelischen Erleben ergibt und
für
Außenstehende nicht leicht erkennbar ist.
Lexikalisch
gesehen verbindet das Wort zwei Bereiche unseres Lebens, die
entgegengesetzter
nicht sein könnten: das höchst weltliche Haben, d. h. den
irdischen
Besitz, und das höchste und im irdischen Leben unerreichbare Ziel
des menschlichen Glücksstrebens: die Seligkeit.
Diese
Spannung ist es, die uns dazu bringt, dem Besitzer der Habseligkeiten
positive
Gefühle entgegenzubringen, wie sie gemeinhin den Besitzern von
Vermögen
und Reichtümern oder Eigentümern von Krempel, Gerümpel
und
Altpapier versagt bleiben.
Und wo
sonst der Weg zum spirituellen Glück, zur Seligkeit also, eher in
der Abwendung von weltlichen Gütern oder doch zumindest in der
inneren
Loslösung aus der Abhängigkeit von Weltlichem gesehen wird,
so
fassen wir hier die Liebe zu Dingen, allerdings zu den kleinen, den
wertlosen
Dingen auf als Voraussetzung zum Glück.“
Geborgenheit,
2. Platz
Begründung von
Annamaria
Musakova, Slowakei:
„Mein schönstes
deutsches
Wort lautet: ,Geborgenheit', weil es kein Wort in meiner Muttersprache
(ich komme aus der Slowakei) gibt, das die genaue Bedeutung dieses
Wortes
enthalten würde.
Ich liebe
dieses Wort, weil ich kein anderes Wort kenne, mit dem man
ausdrücken
könnte, dass man sich so geborgen, gut, eingelebt … irgendwo
fühlt.
In meiner
Sprache kann man die Gefühle der Geborgenheit nicht in Worte
fassen.
Das macht aus diesem Wort mein Lieblingswort der deutschen Sprache.“
lieben, 3.
Platz
Begründung von
Gloria
Bosch, Spanien:
„Dieses Wort ist
für
mich das schönste deutsche Wort, weil es nur ein ,i' vom Leben
entfernt
ist.“
Augenblick,
4. Platz
Begründung von
Sabine
Brenner, Schweiz:
„Mein schönstes
deutsches
Wort lautet: ,Augenblick', weil es um eine subversive Idee zu lang ist
für das, was es besagt, und so viel sinnlicher klingt als ein
,Moment'.“
Rhabarbermarmelade,
5. Platz
Begründung von
Frank
Niedermeyer, Deutschland:
„Ich glaube, viele
haben
diesen Wettbewerb nicht verstanden. Es geht doch nicht darum, die
schönste
Sache zu wählen, sondern das schönste Wort zu prämieren.
Kinderlachen
ist etwas Wunderschönes. Aber was für ein beknacktes Wort!
Man
stelle sich jemanden vor, der kein Wort Deutsch spricht. Jetzt sage man
zu ihm in einem etwas lauteren Tonfall ,Kinderlachen'.
Verschreckt
wird er das Weite suchen! Auch Liebe, Glück und Heimat sind toll.
Die Wörter dazu aber eher einfallslos und nicht wirklich
schöner
als ,Hiebe', ,Mücke' oder ,Fahrrad'. Mein derzeitiges
Lieblingswort
ist ,Rhabarbermarmelade'. Was für ein Klang!
Und welches
Wohlgefühl umfällt mich, wenn ich Sonntag morgens zu meinem
Schatz
sagen kann: ,Barbara, reich mir doch bitte die Rhabarbermarmelade.' –
Der
Tag ist gerettet!“
Libelle,
Gewinner
des Wettbewerbs „Das schönste Wort der Kinder“
Begründung von
Sylwan
Wiese, 9 Jahre, Deutschland:
„Mein schönstes
deutsches
Wort ist ,Libelle', weil ich Wörter mit dem Buchstaben ,l' liebe
und
dieses Wort sogar drei davon hat. Das Wort lässt sich irgendwie so
leicht sprechen. Das flutscht so auf der Zunge.
Aber
ich finde auch, dass Libellen so schön flattern und genau das
erkennt
man auch in dem Wort. Das Wort macht, dass man diese Tiere von Anfang
an
mag und keine Angst vor ihnen hat. Würde das Tier ,Wutzelkrump'
oder
so heißen, dann wäre das nicht so. Ich wüsste gerne,
wer
sich dieses Wort ausgedacht hat. Der Mensch war bestimmt sehr
freundlich.
Weil das Wort das freundlichste ist, das ich kenne.“
Die
meistgenannten Wörter im Inland:
- Liebe
- Gemütlichkeit
- Sehnsucht
- Heimat
- Kindergarten
- Freiheit
- gemütlich
- Frieden
- Sonnenschein
- Schmetterling
Die
meistgenannten Wörter im Ausland:
- Liebe
- Gemütlichkeit
- Vergissmeinnicht
Rangfolge
der Länder, die sich am stärksten beteiligt haben (insgesamt
111) mit dem jeweils meistgenannten Wort:
- USA:
Gemütlichkeit
- Schweiz:
Liebe
- Österreich:
Liebe
- Polen:
Vergissmeinnicht
- Italien:
Sehnsucht
- Slowenien:
Liebe
- Bulgarien:
Liebe
- Großbritannien:
Schmetterling
- Finnland:
Vergissmeinnicht
- Südkorea:
Mutter
- Frankreich:
Sehnsucht
- Niederlande:
Fingerspitzengefühl
[Text: Richard
Schneider. Quelle:
Deutscher Sprachrat.] www.uebersetzerportal.de |

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