2005-02-16
Europäische Verlagsanstalt legt Paul Schmidts Statist auf diplomatischer Bühne neu auf
Dr. Paul Schmidt, Chefdolmetscher aller deutschen Regierungen von 1924 bis 1945 hat vier Jahre nach Kriegsende seine Erinnerungen unter dem Titel Statist auf diplomatischer Bühne herausgebracht. Das Buch war von Beginn an ein Bestseller und erlebte bei verschiedenen Verlagen insgesamt 14 Auflagen (zuletzt 1986). Seitdem war es jedoch vergriffen und konnte nur antiquarisch erworben werden. 
    Jetzt wird die Europäische Verlagsanstalt das 600 Seiten starke Werk neu auflegen, ab 21. April soll es im Handel sein. Stefanie Leimsner, zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Verlags, äußert sich gegenüber dem Übersetzerportal zu den Motiven der Neuauflage: 
Wir haben beobachtet, dass der Statist auf diplomatischer Bühne oftmals in der Dritte-Reich-Forschung als Referenztext benutzt, zitiert und als Quelle angegeben wird. Daher kam die Idee auf, das Buch neu aufzulegen (vorher beim AULA Verlag Wiesbaden erschienen), aber freilich nicht unkommentiert zu lassen. Wir erachten den Text als wichtiges Zeitdokument. Eine wirkliche, kritische Auseinandersetzung mit dem Werk hat jedoch nicht stattgefunden. Daher freuen wir uns, dass wir den Historiker Marcus Pyka gewinnen konnten, der das Nachwort verfasst hat. Pyka setzt sich fundiert mit dem Thema auseinander, lange hat er in den Archiven recherchiert. Paul Schmidt ist heutzutage ein fast vergessener Name – und mit unserer kommentierten Neuauflage wollen wir den Zugang ermöglichen – natürlich auch im Hinblick auf den 8. Mai, an dem sich das Kriegsende ja zum 60. Mal jährt.
Paul Schmidt (1899-1970) hat ab 1923 zunächst 10 Jahre für demokratische Reichsregierungen, so zum Beispiel für Außenminister Gustav Stresemann (Friedensnobelpreis 1926), und dann 12 Jahre mit demselben Engagement für die Nazis gedolmetscht. Unter dem Führer kam seine Karriere erst richtig in Schwung: 1933 wurde Schmidt Legationssekretär, 1935 Legationsrat, 1938 Gesandter, 1940 Ministerialdirigent und Gesandter 1. Klasse. 1943 trat er in die NSDAP ein.
    Nach dem Krieg wurde Schmidt aus dem diplomatischen Dienst entlassen und war drei Jahre bei den Amerikanern in Haft. Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen kam ihm eine bedeutende Rolle als Zeuge zu. 1950 wurde der von allen Seiten als kompetent und vertrauenswürdig beschriebene Schmidt durch einen Entscheid der Spruchkammer Miesbach entlastet. Ein Widerstandskämpfer war Schmidt gewiss nicht – eher eine Art integrer Mitläufer. 
    Zu seinem eigenen Verdruss nahm ihn die Bundesrepublik nicht wieder in den Sprachendienst des Auswärtigen Amts auf. 1952 fand er als Rektor des Sprachen- und Dolmetscherinstituts München (SDI) eine neue Aufgabe. Er verschaffte dem Institut den guten Ruf, den es heute noch genießt.
    Die sprachmittlerischen Qualifikationen von Schmidt und seine Leistungen für unsere Berufsgruppe als Sprachendienst- und Institutsleiter stehen außer Frage. Als ethisch-moralisches Vorbild taugt er, der die Nazizeit als Karrieresprungbrett benutzte, aber womöglich nicht. 
    Leider wurden die moralischen Dimensionen seines Wirkens als „des Teufels Chefdolmetscher“ unseres Wissens nie diskutiert. Wie überhaupt die gesamte Geschichte unserer Berufsgruppe und ihrer Verbände zwischen 1933 und 1945 noch nicht einmal dokumentiert, sondern (der Eindruck drängt sich uns immer wieder auf) bewusst dem Vergessen anheim gestellt wurde. 
    Dabei müssen damals für die auch heute noch vereinzelt anzutreffenden Befürworter einer Verkammerung und eines „Schutzes der Berufsbezeichnung“ traumhafte Zustände geherrscht haben. Die „Reichsfachschaft für das Dolmetscherwesen“ in der Deutschen Rechtsfront hatte die Berufsausübung straff durchorganisiert. Welche Folgen die strengen Ausbildungs-, Prüfungs- und Zulassungregelungen damals auf die Praxis gehabt haben, ist nicht bekannt und wäre einer eingehenden Untersuchung wert. Diese Regelungen fielen 1945 ersatzlos weg und führten zu einer völligen Liberalisierung der Berufsausübung – während es anderen Berufsgruppen wie den Juristen gelang, ihre Naziprivilegien (Rechtsberatungsmonopol) bis auf den heutigen Tag zu verteidigen.


Dr. Paul Schmidt (rechts) dolmetscht für den britischen Premierminister Neville Chamberlain und Adolf Hitler auf dem Höhepunkt der Sudetenkrise (die Aufnahme entstand entweder am 15.09.1938 auf dem Berghof bei Berchtesgaden oder am 24.09.1938 bei der zweiten Unterredung im Rheinhotel Dreesen in Bad Godesberg)


Schmidt (2. von rechts) mit Chamberlain, Mussolini und Hitler auf der Münchner Konferenz zur Beilegung der Sudetenkrise am 29.09.1938


Schmidt als Dolmetscher zwischen dem deutschen und dem französischen (Vichy-)Regierungschef Pierre Laval am 29.04.1943 auf dem Berghof bei Berchtesgaden
 
Dr. Paul Schmidt: Statist auf diplomatischer Bühne 1923-1945. Erlebnisse des Chefdolmetschers im Auswärtigen Amt mit den Staatsmännern Europas. Europäische Verlagsanstalt: München, 2005. ISBN: 3-434-50591-1, 600 Seiten, 29,90 Euro.
[Text: Richard Schneider.] www.uebersetzerportal.de


 


Der erste ...


... und der letzte Chef 
des Chefdolmetschers