2005-03-23
Harry Rowohlt, „der berühmteste deutsche Übersetzer“, wird 60 – und immer noch mit Standardhonoraren abgespeist
Harry Rowohlt, „der berühmteste deutsche Übersetzer“, wie die Zeit schreibt, wird Ostersonntag 60. Den Reporter empfängt er mit den Worten: „Ich bin gespannt, ob ich mal 'ne Frage höre, die ich noch nie gehört habe.“ Er wurde enttäuscht.
    Harry Rowohlts Vater war der Verleger Ernst Rowohlt, sein Bruder der nicht weniger bekannte Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Warum er den Verlag nicht übernommen habe, wird er oft gefragt. Seine Antwort: „Mein Vater ist ja fünfmal Pleite gegangen mit seinem Scheißladen. Wenn ich den Rowohlt-Verlag übernommen hätte, wäre das die erste Tradition gewesen, die ich wieder hätte aufleben lassen.“ Außerdem wolle er unter sich keinen Sklaven sehen und über sich keinen Herrn.
    Deshalb hat er seinen Anteil von 49 Prozent schon vor langem an den Holtzbrinck-Verlag verkauft. Seitdem ist „mühsamer Gelderwerb mit Übersetzungen“ angesagt, wie die Zeit schreibt. Zurzeit sitzt Rowohlt an seiner 118. Buchübersetzung.
    Aber der Reihe nach: Der junge Harry machte Mitte der sechziger Jahre eine Lehre beim Suhrkamp-Verlag, anschließend ein Sortimentspraktikum bei der Bücherstube Schöller am Kurfürstendamm in Berlin. Erst dann trat er als Volontär in den Verlag des Vaters ein. „Ich kannte den ja vorher nicht“, sagt er. „Da hab ich ihn dann kennen gelernt und gedacht: Womit habe ich dieses Straflager verdient? Ich hab doch niemanden umgebracht.“ Er flüchtete aus diesen „wilhelminischen Strukturen“.
    „Ich hab gar nix studiert, ich hab lediglich anderthalb Jahre in New York gelebt“, so Rowohlt, um sich gleich darauf zu korrigieren: „Ich hab natürlich doch studiert, zweieinhalb Stunden, in München. Ein Übersetzerseminar. Immer, wenn ein schwieriges Wort vorkam, musste ich denen erklären, was das heißt, und da dachte ich mir: Wenn das Studieren ist, dann brauch ich das nicht.“
    Stattdessen machte er sich mit gelungenen Übersetzungen von Autoren wie A.S. Neill und Flann O’Brien einen Namen und wurde ein Star der Szene. „Wenn man als Starübersetzer auch entsprechend mehr Geld bekäme, wäre es natürlich doppelt schön.“ Die Zeit fragt ungläubig nach: „Sie kriegen immer noch das Standardhonorar?“ Rowohlt: „Ja.“ Und noch etwas anderes überrascht: Rowohlt schreibt mit der Schreibmaschine. Allerdings „aus Blödheit, nicht aus Prinzip“, wie er erklärt.
    Bei Lesungen und Vorträgen zieht der in Hamburg-Eppendorf lebende Rowohlt das Publikum mit seiner unnachahmlichen Erzählkunst in seinen Bann. Auch den nicht lesenden Schichten der Bevölkerung ist er bekannt – als Schauspieler. Seit 1985 spielt er den „Penner Harry“ in der wöchentlichen Fernsehserie Lindenstraße, wobei ihm sein „zauselhaftes Aussehen“ zugute kommt. Die Rolle nahm er an, „um der Vereinsamung zu entkommen, der man als Übersetzer manchmal erliegt“, wie er vor einigen Wochen bekannte. Aber: „Ich bin kein Schauspieler! Übersetzer, belletristischer Übersetzer bin ich, weil ich damit die allermeiste Zeit zubringe.“
    Das „zauselhafte Aussehen“ hat allerdings auch Nachteile: Regelmäßig wird er von Taxifahrern als Fahrgast verschmäht und bei seinen eigenen Veranstaltungen nicht in den Saal gelassen. 
    Lesenswerte Lobhudeleien auf den Jubilar sind unter anderem in der Zeit, der Süddeutschen Zeitung und der jungen Welt erschienen. (Externe Links. Möglicherweise nicht mehr gültig.)


Rowohlt bei einer seiner beliebten Lesungen, hier auf dem Übersetzer-Zentrum der Frankfurter Buchmesse 2003 ...


... das Publikum war begeistert

[Text: Richard Schneider. Quelle: Zeit, 2005-03-23; Süddeutsche Zeitung, 2005-03-23; junge Welt, 2005-03-26. Bild: hr.] www.uebersetzerportal.de


Harry Rowohlt