2005-04-13
Craig Morris: Vom Fachübersetzer zum Fachbuchautor
Viele Übersetzer sind oder werden auf ihren Fachgebieten zu Experten. Und so ist der Schritt zum Fachjournalisten und Fachbuchautor eigentlich nicht weit. Unser Kollege Craig Morris übersetzt viel auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien. Jetzt hat er unter dem Titel Zukunftsenergien sein erstes Buch herausgebracht. Für die Leser des Übersetzerportals schildert er, wie es dazu kam: 

Seit 1998 übersetze ich hauptberuflich. Und seit Anfang 2002 schreibe ich Artikel für den Heise Verlag. Angefangen hat alles mit einem Bericht über AOLs E-Mail-Filter, der bei einem Bush-kritischen Newsletter zugeschlagen hat. Als Abonnent dieses Newsletters (jedoch nicht Kunde bei AOL) schrieb ich heise online an, um zu erfahren, ob ein solches Vorgehen technischen Ursprungs oder vielleicht eher – in jenen politisch sensiblen Zeiten – politisch motiviert wäre.
    Ich erklärte Heise, was vorgefallen war, und was der Administrator des Absenders mir am Telefon bereits erzählt hatte. Eigentlich wollte ich, dass Heise sich einschaltet, um die Sache zu klären, aber zu meinem Erstaunen hieß es bei Heise, man könnte meine E-Mail auch so veröffentlichen. Heise fügte lediglich einen Satz von einem Pressesprecher von AOL hinzu, den ich als Einzelkämpfer nie an die Strippe gekriegt hätte.
    Ich hatte wohl ausreichend Verständnis für die Technik hinter E-Mails in meinem Bericht gezeigt; schließlich übersetzte ich viel in diesem Bereich. Heise bedankte sich für den Bericht – und lud mich dazu ein, mehr zu schreiben.
    Da ich nicht gerade an der Schaltzentrale für IT-Neuigkeiten sitze, landete ich bei der Heise-Webseite Telepolis, wo ich als in Deutschland lebender Amerikaner immer wieder was zu berichten wusste. In meinem ersten Bericht ging es mehr um Politisches zwischen den USA und Deutschland („US-Grüne rufen die deutschen Grünen zur Solidarität auf“) – aber gleich im zweiten Bericht stellte ich neuartige Fahrzeuge vor, die mit Batterien oder Druckluft betrieben werden.
    Immer wieder erschienen bei Heise Berichte, in denen Energie-Themen tangiert waren. Einmal war über den Vormarsch der Fotovoltaik in den Entwicklungsländern die Rede – leider am Beispiel von Solarkochern. Diese sind jedoch keinesfalls elektrische Kocher, die mit Fotovoltaik betrieben werden, sondern meistens lediglich schwarz angemalte Kisten aus Pappe oder Holz, manchmal mit einem Trichter aus Glas oder Metall, um mehr Sonnenlicht einzufangen.
    Da dies nicht der einzige derartige Fehler war, fragte ich bei Heise, dem wohl renommiertesten IT-Verlag Deutschlands, nach, ob sich denn niemand dort mit Energie-Themen auskenne? Die Antwort verblüffte mich: Wenn Sie es besser können, bitte sehr.
    Ich witterte hier eine einmalige Chance, um potenziellen Kunden endlich zu beweisen, dass ich mich in dieser Materie – auch in der Technik – als Fachübersetzer bestens auskenne. Ich könnte mich aber auch durchaus blamieren, denn die Heise-Leser können ihre Kommentare unter jeden Bericht schreiben. Ich bräuchte also nur einmal einen solchen Fehler wie oben zu machen, und man könnte mich regelrecht zerfleischen.
    Ich begann mit Themen, in denen ich mich am besten auskannte. Meistens behandelte ich vorrangig soziale oder politische Aspekte; die Technik wurde dabei nur erklärt, wo es passend erschien. Beispielsweise fragte ich, ob die Windkraft für die Vogelwelt gefährlich ist und ob Windkraftanlagen laut sind.
    Heise bat mich einmal, nicht so viel und so ausführlich zu schreiben. Das sprenge das Budget. Ich hoffte aber, dass sich diese Artikel irgendwann als Werbung für mich als Übersetzer bezahlt machen würden. Ich schlug dem Verlag deshalb vor, einen Deckel auf das Honorar zu machen, mir aber freien Lauf zu lassen.
    Nach einem Jahr hatte ich es geschafft, mich kein einziges Mal zu blamieren. Ich wagte es nachzufragen, ob ich aus der Serie „Zukunftsenergien“, die ich quasi bei Heise ins Leben gerufen hatte, ein Buch machen könnte. Ich wollte als Herausgeber die besten Artikel nehmen.
    „Nein“, hieß es bei Heise, „das machen wir nicht. Sie schreiben alle Kapitel selbst.“
    Damit hatte ich nicht gerechnet. Nachdem ich den ersten Schreck überwunden hatte, versuchte ich mir vorzustellen, wie ich nun an die härtesten Themen herangehen würde. Ich würde mich bald als Experte in der Geothermie, Brennstoffzellen, Biomasse, Erdgas, Kohlekraft, Atomkraft usw. ausgeben müssen. „Mach dir keine Sorgen“, dachte ich mir, „wenn du etwas nicht kapiert hast, werden dich deine Leser eines Besseren belehren – und zwar online.“
    Immer den potenziellen Werbeeffekt im Auge, schrieb ich Stück für Stück weiter. Am stolzesten bin ich auf meinen Verriss des Spiegel-Artikels gegen die Windenergie, denn mein Artikel erschien am selben Tag wie die Papier-Ausgabe des Spiegels (die Online-Ausgabe erscheint einen Tag vor der Papier-Ausgabe). Ich hatte den Titelbericht in Deutschlands angesehenster Wochenzeitschrift innerhalb von 24 Stunden verrissen. Allerdings hatte es mir der Spiegel sehr leicht gemacht, denn die hatten wirklich Stuss geschrieben ...
    Nach meinem Bericht zur Erdwärme bekam ich lobende E-Mails. Nach meinen zwei Berichten zu Brennstoffzellen bekam ich einen Anruf von einem Forscher am Forschungszentrum Jülich, der sich bei mir für die „notwendige Aufklärung“ bedankte. Als ich diesen Kommentar eines anderen Lesers auf der Webseite las, fiel mir gar nichts mehr ein:

Craig [scheint] einer der (wenigen) Journalisten zu sein, die die zugrundeliegende Physik verständlich darstellen können, ohne so weit zu vereinfachen, dass es schon wieder falsch wird.
Die für mich härtesten Artikel brachten mir das größte Lob ein. Ich hatte aus Angst wohl besonders aufgepasst.
    Bemängelt wurde jedoch immer wieder, dass die Texte so schlecht übersetzt seien. Da durfte ich endlich einen Kommentar abgeben. Ich entschuldigte mich für mein nicht hinreichendes Deutsch und versicherte den Lesern, ich tue als Amerikaner mein Bestes. Diese Texte seien eben keine Übersetzungen, sondern ich hätte sie gleich auf Deutsch verfasst. Ich übersetze ja nicht umsonst nur ins Englische. 
    Ein Freund, der gerade seine Dissertation schreibt, wollte von mir wissen, wie lange ich an meinem Buch Zukunftsenergien gesessen habe: ein halbes Jahr Vollzeit, d.h. genauer zwei Jahre lang etwa 10 Stunden pro Woche. 
    Noch ist von einem Werbeeffekt für das Übersetzungsgeschäft nichts zu spüren. Aber immerhin: Selbst wenn sich mein Einsatz (noch?) nicht in Euro rentiert hat, so kann ich sagen, dass ich mit 36 einen Baum gepflanzt, ein Mädel in die Welt gesetzt und ein Buch veröffentlicht habe.
 
Craig Morris: Zukunftsenergien. Hannover: Verlag Heinz Heise, 2005. 190 Seiten; 16 Euro (D), 16,50 Euro (A), 28 sFr; ISBN 3-936931-26-7. Eine Besprechung können Sie bei Telepolis lesen.
Craig Morris, M.A., leitet den Übersetzungsdienst „Petite Planète“. Nach absolviertem Studium in seiner Heimat USA und Studien in Frankreich und Deutschland unterrichtete er an Universitäten in den USA und Deutschland. Zuletzt leitete er von 1993-1998 Übersetzungskurse als Lektor an der Universität Freiburg. Seitdem arbeitet er als freiberuflicher Übersetzer. Einige seiner Übersetzungen im Bereich IT sind bei heise online erschienen. Er schreibt außerdem über Umwelt- und Energiethemen und relevante Politiken der EU und der USA. Morris lebt in Freiburg im Breisgau. Seine Website finden Sie unter www.petiteplanete.org.
[Text: Craig Morris. Bild: Morris, Heise.] www.uebersetzerportal.de

Craig Morris