2005-04-25
„Man kann
gar nicht gebildet genug sein, um Comics zu übersetzen.“ –
Micky-Maus-Übersetzerin
Dr. Erika Fuchs gestorben
Vor wenigen Tagen
ist
Dr. Erika Fuchs im Alter von 98 Jahren in München
verstorben. Die
promovierte
Kunsthistorikerin übertrug für die Wochenzeitschrift Micky Maus
über
Jahrzehnte die
Geschichten von Donald und Co. ins Deutsche. Von 1951 bis 1988 war sie Chefredakteurin des
Blatts. Bis 1972 übersetzte sie die Geschichten praktisch im
Alleingang, danach nur noch die Episoden von Carl Barks.
Wegen ihrer feinsinnigen Formulierungen und der geistreichen Wortwahl
wird sie von deutschsprachigen Donaldisten
vergöttert. Der Spiegel schreibt in
seinem Nachruf: „Erika Fuchs machte aus den manchmal drögen,
mitunter
sperrigen oder schlicht banalen Sätzen der amerikanischen Vorlagen
funkelnde Kleinode.“
Onkel Dagobert
ließ sie philosophieren: „Leichtfertig ist die Jugend mit dem
Wort und
bar jeden Sinnes für geschäftliche Dinge!“ Donalds Neffen Tick, Trick und Track schworen
als Pfadfinder à la Schiller: „Wir wollen sein ein einig
Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr!“ Und Daniel
Düsentrieb legte sie den Spruch „dem Ingeniör ist nichts
zu schwör" in den Mund. Eine Wendung, die sich zum
geflügelten Wort entwickelte und die ihre Schöpferin
sicherlich
um Jahrzehnte
überleben wird. Fuchs war es auch, die die Figuren- und
Städtenamen ins Deutsche übertrug.
Fuchs gilt als Erfinderin einer Verbform, die im
Gegensatz zu der von ihr ebenfalls meisterhaft beherrschten Lautmalerei
kein Geräusch, sondern einen Vorgang beschreibt. Beispiele:
achselzuck, grübel, schluck, seufz, stöhn. Scherzhaft und
fachsprachlich ungebäuchlich wird diese Verbform zu Ehren ihrer
Vorkämpferin auch als „Erikativ“ bezeichnet.
Zum Übersetzen kam die zweifache Mutter erst
nach dem Krieg im Alter von 44 Jahren – zunächst für den Reader's
Digest, dann für die Zeitschrift Micky Maus, deren
Deutschland-Ausgabe von einem Projektteam beim Reader's Digest
vorbereitet wurde.
Erstaunlich ist, welches Echo die Nachricht von
ihrem Ableben im deutschsprachigen Blätterwald von der Saar bis an
die Oder, von der Etsch bis an den Belt hervorgerufen hat. Ähnlich
viele Nachrufe auf einen Vertreter unserer Zunft wird es wohl erst
wieder geben, wenn Harry Rowohlt die Schreibmaschine abgibt.
„Trauer in Entenhausen“, meldet der Spiegel.
„Donalds Übersetzerin ist tot“, heißt es im stern.
Als „Mutter aller Sprechblasen“ bezeichnet sie die Süddeutsche.
„Jammer, seufz!“, lautet die Überschrift in der Frankfurter
Rundschau. Der Standard beginnt seinen Bericht mit der
Ortsangabe „Entenhausen/München“ und weist darauf hin, dass
Elfriede Jelinek der „Füchsin“ schon vor Jahren den
Büchner-Preis wünschte. Einige Auszüge:
Im
Gegensatz zum amerikanischen Original gibt sie jeder Ente auch eine
eigene Art zu sprechen. Donald etwa zitiert Klassiker als Ausgleich
für sein lädiertes Ego, die Neffen plappern in nicht ganz
vollständigen Kindersätzen und benutzen Teenager-Slang. Onkel
Dagobert dagegen schwelgt in Zitaten. Ganz so, wie alte, wohlerzogene
Herren es eben gerne machen. [stern]
Unzählige
Entenhausen-Dramen hat sie mit mehr Hintersinn und lustiger ins
Deutsche übersetzt, als es das amerikanische Original war. Wo
Donald, „ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen“
in der US-Version zu seinen nervenden Neffen etwa schlicht „no“ sagt,
quäkt er im Deutschen ein bezeichnendes „mitnichten“. [taz]
Dass all
das herzlich wenig mit dem Stil der Originale zu tun hat, wurde ihr
selten zum Vorwurf gemacht. [...] Die Regeln, nach denen sie ihre Comis
übersetzte, lautete: „Hier kommt es nur darauf an, dass sich der
deutsche Leser ebenso gut amüsiert wie der amerikanische.“ Nicht
oft führt eine so deutliche Hinwegsetzung über den Stil eines
Künstlers zu etwas Gutem – doch man kommt nicht über das
Faktum hinweg, dass der große Carl Barks nicht einmal in den USA
derart verehrt wird wie im deutschsprachigen Einzugsbereich von Frau
Dr. Erika Fuchs. [Frankfurter Rundschau]
Fuchs
glaubte im Gegensatz zu manchen ihrer Apologeten niemals, sie habe
Barks' Geschichten verbessert oder erst zur Kunst erhoben. „Die
amerikanischen Texte von Barks sind ja auch sehr gut. Nur, in jedem
Land lachen Menschen über andere Dinge. Das ist eigentlich
unübersetzbar. Der Witz liegt in Wortspielereien, in Andeutungen
auf Gebräuche und Ereignisse. Das muß man umsetzen.“ [Die
Welt]
Pressemitteilung des Ehapa-Verlags:
Die Comic-Welt trauert um Dr. Erika Fuchs
Dr. Erika Fuchs starb am
22. April 2005 im hohen Alter von 98 Jahren in München. Die erste
Chefredakteurin des "Micky Maus"-Magazins und langjährige
Barks-Übersetzerin stammt aus Mecklenburg, wo sie am 7. Dezember
1906
als Erika Petri zur Welt kam. Schon als junges Mädchen zeichnete
sie
sich durch Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen aus. Nur so
schaffte sie es, als einziges Mädchen ins städtische
Knabengymnasium
von Belgard an der Passante (Hinterpommern) aufgenommen zu werden. Das
Privileg hatte die rebellische junge Dame der Schulbehörde mit
Hilfe
der Sozialdemokraten abgerungen, die in einer stürmisch
verlaufenden
Stadtratssitzung für ihre Aufnahme stimmten.
Nach ihrem Abitur studierte sie von 1926 bis 1931
Kunstgeschichte,
Archäologie und Geschichte an den Universitäten von Lausanne,
London
und München. Ihren Abschluss machte sie magna cum laude mit ihrer
Dissertation „Johann Michael Feichtmeyr – Ein Beitrag zur Geschichte
des Rokoko“. 1932 heiratete sie Günter Fuchs, einen
Diplomingenieur und
Erfinder. Ihn neckte sie gerne mit dem Satz „dem Ingeniör ist
nichts zu
schwör“, den sie, als Übersetzerin Dr. Erika Fuchs,
später berühmt
machen sollte.
Sie zog mit Ihrem Mann in dessen Heimatort
Schwarzenbach an der
Saale (Oberfranken), von wo aus sie nach dem 2. Weltkrieg begann, als
freie Mitarbeiterin für die deutsche Ausgabe von Reader's
Digest zu arbeiten. Eine dreiköpfige Abteilung
beschäftigte sich dort gerade mit den Vorbereitungen zur ersten
deutschen Ausgabe der Micky Maus.
(Diese Abteilung sollte später das Gründungsteam des
Ehapa-Verlags
werden.) Man bot Dr. Erika Fuchs die Übersetzung an. „Ich hatte
noch
nie zuvor ein Comic-Heft in der Hand gehabt“, erzählt Dr. Erika
Fuchs,
„und bot mir Bedenkzeit aus. Es war mein Mann, der mich letztendlich
ermutigte, das Projekt zu übernehmen. Er war der Meinung, dass in
kürzester Zeit
sehr viele Kinder diese Comics lesen würden und dass daher eine
sorgfältige Übersetzung und eine gute Sprache besonders
wichtig seien.“
So wurde Dr. Erika Fuchs die erste Chefredakteurin der Micky Maus.
Es ist nicht zuletzt der gelungenen Sprachartistik
von Frau Dr.
Fuchs zu verdanken, dass die Micky Maus so rasch in Deutschland
heimisch wurde. Mit witzigen, geistreichen Dialogen deutschte sie die
Geschichten nicht nur ein, sondern gab Ihnen eine zugleich intelligente
und gehobene Sprachebene mit auf den Weg.
So schwelgte sie beim Texten – bei passender
Gelegenheit – in
korrekten Konjunktiven, Genitiven und Dativen. Die profunde Kennerin
der deutschen Klassiker ist der Überzeugung: „Man kann gar nicht
gebildet genug sein, um Comics zu übersetzen.“
Bei aller Sprachbildung wirken die Texte von Dr.
Erika Fuchs nie
steif. Klassiker sind für sie keine toten Sprachfossilien, sondern
immer lebendiger Bestandteil ihrer Welt. Doch nicht nur klassisches
Sprachgut arbeitete sie in ihre Texte ein, sie dichtete die Klassiker
um und sorgte für so manchen Reim, der als geflügeltes Wort
in die
Alltagssprache einging. Umgekehrt integrierte sie auch immer wieder die
Umgangssprache der Jugend in ihre Texte. Sie war immer eine aufmerksame
Zuhörerin und Beobachterin und griff passende Neologismen der
Jugendsprache auf um ihnen die höheren Weihen der Duckschen
Sprachebene
zu verleihen. So mancher Name von Nebenfiguren oder skurrile
Aufschriften auf Geschäften und Straßenschildern im
Bildhintergrund
sind ihrer Beobachtungsgabe und ihrer Sammlertätigkeit zu
verdanken,
die allerorten Wortwitz aufspürte.
Fuchs hat die Sprache um viele Sprüche und
Begriffe erweitert. Wenn
die Popgruppe „Erste Allgemeine Verunsicherung“ singt „Grübel,
grübel
und studier!“, dann verdanken wir dieses heftige Nachdenken dem
Fuchs'schen Geistesblitz, gezeichnete Geräusche mit
lautmalerischem
Charakter durch die Reduktion von Verben auf die Wortstämme zu
kennzeichnen.
Krach-Bumm-Peng-Sprache? Dieser Vorwurf der
früheren
Comic-Kritikaster konnte Fuchs nie treffen. Selbst während der in
den
50er Jahren erbittert geführten Schmutz- und Schundkampagne gegen
Comics, in der diese sogar gesetzlich verboten werden sollten, war
das Micky-Maus-Magazin in der damals – im übrigen
erfolglos – eingebrachten Gesetzesvorlage ausdrücklich ausgenommen.
Dr. Erika Fuchs, die den in den letzten Jahren um
ihre Person
entstandenen Rummel in aller Bescheidenheit eher übertrieben
findet,
dachte immer, sie „tue etwas Anonymes“. Sie drängte nie ins Licht
der
Öffentlichkeit und war immer wieder überrascht, wenn ihr –
bei einem
ihrer seltenen öffentlichen Auftritte – jung und alt minutenlang
applaudieren, sich mit den Ellbogen anrempeln und ihre Texte
deklamieren. (Z. B. den Werbespruch: „Wer keine weiche Birne hat, kauft
harte Äpfel aus Halberstadt!“) Aber es ist verdienter Applaus, den
ihre
Leser ihr spenden, denn sie hat über fünfunddreißig
Jahre lang den Stil
der Kinder- und Jugendlektüre geprägt und beeinflusst. Die
Generationen, die mit ihr aufwuchsen sind heute diejenigen, die ins
Internet gehen und sich online im Sprachstil von Fuchs unterhalten.
1994 hat Erika Fuchs erstmals Carl Barks getroffen,
dessen Werk sie
so kongenial ins Deutsche übertragen und durch ihren
sprühenden
Wortwitz ergänzt hat. Die beiden sind, das zeigte sich bei dieser
Gelegenheit, verwandte Seelen in humoris causa. Im gleichen Jahr wurde
ihr der Kulturpreis „Morenhovener Lupe“ verliehen. Im Jahr 1998
erhält
sie den Deutschen Fantasy-Preis, 2001 den Roswitha-Preis der Stadt Bad
Gandersheim und den Sonderpreis des
Heimito-von-Doderer-Literaturpreises.
Fuchs, die grande dame der deutschen Comics,
die sprachliche
Wegbegleiterin ganzer Generationen, die in Entenhausen
gleichermaßen
beheimatet war wie in internationaler Literatur und im deutschen
Kulturgut, hat noch bis vor kurzem an der Komplettierung der Deutschen
Barks-Ausgaben mitgewirkt.
Der Verlag ist tief betroffen und vermisst mit ihr
eine warmherzige und liebe Freundin, deren Ratschläge und
intelligenten Anmerkungen uns fehlen werden!
|

Erika Fuchs mit Carl Barks, dem Autor
und Zeichner des Entenhausener Universums, der im August 2000 im Alter
von 99 Jahren verstarb
Mehr
zum Thema im Übersetzerportal
[Text: Richard
Schneider.
Bild: Ehapa, Dreidreizehn.] www.uebersetzerportal.de
|

Erika Fuchs





|