2005-10-21
„Erst einmal zwei Wochen lang die Haare gerauft“ – Der neue Asterix-Übersetzer Klaus Jöken im Interview
Soeben ist der neue Asterix-Band Gallien in Gefahr erschienen, mit dem sich auch ein neuer Asterix-Übersetzer vorstellt: Klaus Jöken (46), ein alter Hase in der Comic-Szene. Aus mehreren Kandidaten wurde er nach einer Probeübersetzung vom Egmont Ehapa Verlag ausgewählt.
    Jöken erblickte im niederrheinischen Kleve das Licht der Welt. Nach dem Studium (Geschichte und Niederländisch) zog er in die Auvergne, wo er mit dem Übersetzen begann. Schon früh spezialisierte er sich auf Comics, von denen er bereits rund 350 ins Deutsche übertragen hat.
    Zeichner Albert Uderzo (78), der sich seit dem Tod seines Partners René Goscinny 1977 auch als Texter versucht, stellt das neue Abenteuer der unbeugsamen Gallier zurzeit auf der Frankfurter Buchmesse vor. Bei Kritikern und Lesern macht sich derweil Enttäuschung über den Inhalt des neuen, 33. Bandes breit (siehe Kasten weiter unten).
    Aber dafür kann Klaus Jöken nichts, zu dessen Aufgabe es in einem Internet-Forum von Asterix-Freunden heißt:
„Was Uderzo im Original verbockt, kann der beste Übersetzer nur mit Mühe einigermassen ,rausreissen'.“ Jökens Premiere als Asterix-Übersetzer darf als gelungen bezeichnet werden. Dass hier ein neuer Sprachmittler am Werk war, wird jedem Leser schon an der Fülle von Wortspielen auffallen. Jöken gibt zu, er sei anfangs teilweise über das Ziel hinausgeschossen und habe sich bremsen müssen.
    Es wäre Jöken zu wünschen, sein Können an einem weiteren Band beweisen zu dürfen. Aber dass aus der Feder des erstklassigen Zeichners und überforderten Autors Uderzo jemals ein in Handlung und Inhalt starkes Heft kommen wird, bezweifeln viele. Und da der alte Herr schon seit längerer Zeit Asterix im eigenen Haus herausgibt, kann ihn  kein wohlmeinender Verleger dazu zwingen, mit guten Autoren zusammenzuarbeiten.
    Aber wie schreiben die Oberösterreichischen Nachrichten: „
Macht nichts. Die alten Hefte gibt's ja noch.“ Sprachmittlern sei besonders Band 7 empfohlen. In Asterix und die Goten wird in der Figur „Holperik“ der Berufsstand der Dolmetscher durch den Kakao gezogen (Seite 26, 29 ff.).
    Nachfolgend ein Interview, das der Egmont Ehapa Verlag vor kurzem
mit Klaus Jöken führte:

Herr Jöken, wie kam es zu der spannenden Herausforderung, den neuen Asterix Band 33 übersetzen zu können?
Als Übersetzer habe ich mich von Anfang an auf Comics spezialisiert. Insgesamt gehen an die 350 auf mein Konto, wobei Lucky Luke bisher meine bekannteste Serie war. Letztes Jahr trat der Egmont Verlag an mich heran, weil ein neuer Asterix anstand. Zusammen mit drei, vier Kollegen musste ich erst einmal zwei Kurzgeschichten zur Probe übersetzt. Eine knifflige Sache, bei der jeder sein Können unter Beweis stellen sollte. Ehrlich gesagt, hatte ich mir wenig Hoffnungen gemacht, aber schließlich bekam ich doch den Zuschlag.

Sie sind ja nun schon geraume Zeit als Übersetzer tätig und haben in diesem Zusammenhang bereits in allen möglichen literarischen Gattungen gearbeitet. Was ist das Besondere an Comic-Übersetzungen?
Allgemein kann man sagen, dass es keine leichten Übersetzungen gibt. Jedes Genre hat seine speziellen Schwierigkeiten. Beim Comic hat man es vor allem mit Dialogen zu tun. Die darf man nicht Wort für Wort übertragen, sondern man muss sich ständig die Frage stellen: Was würde ein Deutscher in dieser Situation sagen? Zum Beispiel siezen sich die Franzosen viel häufiger, manchmal sogar Eheleute untereinander. So etwas muss man an deutsche Verhältnisse angleichen.
    Erschwerend kommt hinzu, dass die deutschen Wörter im Vergleich zu anderen Sprachen sehr lang sind. Eine Übersetzung aus dem Französischen ergibt durchschnittlich 20 % mehr Text. Bei einem Roman ist das kein Problem, die deutsche Ausgabe hat dann halt ein paar Seiten mehr. Doch beim Comic muss der Text auch immer in die gezeichnete Sprechblase passen. Es kommt oft vor, dass eine ideale Formulierung einfach zu lang ist. Dann muss man kürzen, jedoch ohne den Sinn zu entstellen oder einen Gag zu verlieren.

Wo liegen bei Asterix die besonderen Herausforderungen für einen Übersetzer und wie haben Sie sich auf diesen Band vorbereitet?
Gewöhnlich richten sich ein Comic, ein Roman oder ein Film an ein bestimmtes Publikum. Man muss den entsprechenden Ton genau treffen, also ein Krimi soll spannend, eine Liebesgeschichte schnulzig und ein anspruchsvoller Roman intelligent sein.
    Das ist an sich ja schon schwierig, aber beim Asterix besteht die besondere Schwierigkeit darin, dass er von allen gelesen wird, von Kindern und Erwachsenen, von Hauptschülern und Hochschulprofessoren. Darum muss für jeden etwas dabei sein. Jedes Kind muss die Geschichte verstehen, obwohl zugleich komplizierte Anspielungen und Gags darin versteckt sind. Für einen Übersetzer ist das ein echter Spagat.
    Im Vorfeld habe ich alle erschienen Asterix-Bände noch einmal studiert, um mich in die Sprache „einzulesen“. Bei einer solchen Kultserie ist es meiner Meinung nach wichtig, stilistisch eine gewisse Kontinuität zu wahren. Meine Vorgänger, insbesondere Gudrun Penndorf und Adolf Kabatek, haben ja auch hohe Maßstäbe gesetzt.

Die Abenteuer des kleinen Galliers sind bekannt für ihre Wortspielereien und sprachlichen Anspielungen (Stichwort: „Tadsylwine“ als Anagramm für „Walt Disney“, dem Albert Uderzo am Ende des Bandes eine Hommage entgegenbringt). War es schwer, das französische Original in die deutsche Sprache umzusetzen?
Mit Humor ist es ganz eigen. Gerade auf diesem Gebiet gibt es gewaltige nationale Unterschiede. Ein Witz, über den sich die einen schlapp lachen, entlockt den Lesern eines anderen Landes oft nicht einmal ein müdes Lächeln. Deutsche haben zum Beispiel einen leicht absurden, skurrilen Humor, der in Frankreich auf völliges Unverständnis stößt. Solche Dinge muss man bei der Übertragung berücksichtigen und eine Pointe oft ganz anders lagern als im Original.
    Dazu stößt man einfach auf technische Probleme. Im Französischen kann man aufgrund der Sprachstruktur Wortspiele konstruieren, die im Deutschen nicht nachzubilden sind. Hier muss man als Übersetzer ganz andere Wege finden, um Wörter miteinander zu kombinieren.
    Eine dritte Schwierigkeit ist der kulturelle Hintergrund: Persönlichkeiten, Märchen, Lieder usw., die in Frankreich jedem Kind ein Begriff sind, kennt in Deutschland mitunter kein Mensch. Für viele Anspielungen muss man dann möglichst zutreffende Entsprechungen suchen.

Inhaltlich unterscheidet sich das neue Abenteuer in einigen Aspekten von den bisherigen Geschichten. Ihre Übersetzung vermittelt den Eindruck, dass Sie einen Höllenspaß damit hatten. Liegen wir da richtig?
Oh ja. Gerade aufgrund der Schwierigkeiten hatte ich ja Gelegenheit, eine Menge Kreativität zu entfalten. Obwohl ich mir erst einmal zwei Wochen lang die Haare gerauft habe. Aber nach und nach wurde es zu einem spannenden Spiel, neue Gags zu finden. Monate lang hatte ich von morgens bis abends nichts anderes im Kopf als Asterix.
    Einmal bin ich sogar um vier Uhr nachts aufgewacht, weil mir im Schlaf eine zündende Idee kam. Als ich das Licht angeknipst habe, um
sie schnell zu notieren, war meine Frau alles andere als begeistert. Im Eifer des Gefechts bin ich zunächst sogar über das Ziel hinausgeschossen. An manchen Stellen hatte ich so viele Gags eingebaut, dass ich wieder einige herausnehmen musste, um den Erzählrhythmus nicht zu stören.

Die Titelauswahl des neuen Asterix-Abenteuers fiel hierzulande nicht gerade leicht. Während der neue Band im französischen Original Asterix – Le ciel lui tombe sur la tête (dt.: „Der Himmel fällt ihm auf den Kopf“) heißt, hat man sich in der deutschen Ausgabe für den kurzen und prägnanten Titel Gallien in Gefahr entschieden. Wie denken Sie als Übersetzer über diese Entscheidung?
Gerade Titel lassen sich schwer übersetzen. Während sich das französische Original flüssig und elegant anhört, klingt die deutsche Übertragung hölzern und abgehackt. Ich habe mir zunächst mehrere Varianten ausgedacht mit „Himmel auf den Kopf fallen“, aber keine wirklich überzeugende gefunden. Damit war klar, dass wir einen ganz neuen Titel finden mussten.

Wie gestaltete sich der Ablauf beim Übersetzen des neuen Asterix zwischen dem ersten Lesen des Scripts und der vollendeten letzten Sprechblase?
Zunächst lese ich den Text natürlich gründlich, um alle versteckten Wortspiele zu analysieren. Anschließend fertige ich eine treue Übersetzung an. Anhand dieser ersten Fassung kann dann die eigentliche Arbeit losgehen.
    Manchmal ist es möglich, einen Witz wortwörtlich zu übersetzen, das ist dann prima, kommt aber leider selten vor. Ansonsten muss man sich einen Gag ausdenken, der möglichst aus dem selben Bereich stammt und eine gute Entsprechung bildet. Hin und wieder fällt mir ja spontan etwas ein, aber in der Regel steckt eine Menge Arbeit dahinter.
    Wenn ich zum Beispiel einen Gag mit „Wildschwein“ brauche, schreibe ich zunächst eine Liste mit Synonymen (Sau, Ferkel usw.) und
Redewendungen (z.B. die Sau rauslassen). Danach überlege ich hin und her, wie ich etwas davon einbauen, umformen, verdrehen oder kombinieren kann, so dass es möglichst witzig klingt. Eine langwierige Sache! Da kann es vorkommen, dass man an einem Satz ein, zwei Tage lang herumfeilt.

Was ist ihr persönliches Verhältnis zu Asterix?
Ich gehöre schon zu der Generation, die mit Asterix aufgewachsen ist. In meiner Schulzeit war das Erscheinen eines neuen Asterix-Bandes immer ein Ereignis. Wir haben alle Asterix verschlungen. Das tolle ist, wenn man Asterix als Erwachsener zur Hand nimmt, stößt man ständig auf neue Anspielungen aus Politik, Kultur oder Geschichte, die man vorher nie bemerkt hat. Vor einigen Jahren habe ich eine DVD über den Louvre übersetzt. Anschließend war ich verblüfft, wie viele Kunstwerke versteckt in den Asterix-Zeichnungen auftauchen. Für mich zählt Asterix mittlerweile zum kulturellen Allgemeingut so wie z.B. Grimms Märchen.

Könnten Sie sich vorstellen, auch bei einem zukünftigen gallischen Abenteuer als Übersetzer mitzumischen?
Selbstverständlich würde ich gerne weitermachen. Natürlich hängt das vor allem ja davon ab, ob Uderzo weiterzeichnet. Anscheinend hat er schon Pläne für weitere Folgen. Ansonsten bin ich erst einmal gespannt darauf, wie die Leser meine Übersetzung aufnehmen. Für mich ist das Publikum der höchste Kritiker.

Das sagt das Feuilleton zum neuen Asterix-Band

An der Übersetzung haben die Kritiker nichts auszusetzen, wohl aber am Inhalt:

Wer sich [...] auf ein „klassisches“ Abenteuer [...] gefreut hat, dürfte enttäuscht sein. Die ersten Kritiken waren gelinde gesagt zurückhaltend. Denn die Helden müssen sich nicht mit den Römern auseinandersetzen, sondern mit Außerirdischen. Die Leser seien mit der Geschichte nicht zufrieden, sagte eine Verkäuferin bei Dussmann in Berlin. Dass darin beispielsweise auch Superman auftauche, passe nicht zu den bisherigen Asterix-Geschichten. Besonders bei dem in Sachen Comics kritischen belgischen Publikum kam der neue Band schlecht an: Uderzo seien offenbar die Ideen ausgegangen, hieß es. Berliner Morgenpost

Ein Desaster, beim Teutates! Offenbar erbost über den Erfolg japanischer Mangas und amerikanischer Superhelden, lässt Asterix-Schöpfer Albert Uderzo seine tapferen Gallier im neuen Band gegen die internationale Konkurrenz antreten – und gibt die legendäre Comic-Reihe der Lächerlichkeit preis. [...] In der gewohnten Szenerie tauchen nun tatsächlich außerirdische Superman-Klone und Kampfroboter auf, eine weitere Figur ähnelt verblüffend Disneys Micky Maus. Spiegel online

Was den Galliern auf den Kopf fällt, ist weniger der Himmel als die schwache Geschichte, in die sie verstrickt werden. Es besteht der Verdacht, dass Autor Uderzo der erdverbundene Witz ausgegangen ist. Was zur Folge hat, dass sich das berühmte Dorf mit Außerirdischen herumschlagen muss, die leider auch keine
Humorkanonen sind, sondern stellenweise an matte Krawall-Zeichentrickfilme erinnern. [...] Macht nichts. Die alten Hefte gibt's ja noch. Und die sind auch ohne Werbe-Wirbel gut. Oberösterreichische Nachrichten

Und dann, auf Seite acht, passiert es: Uderzo öffnet seine heimelige Asterix-Welt für die Aliens! [...] Das aber bedeutet, dass die bisher mit Anachronismen und Zitaten sehr ökonomisch umgehende Asterix-Welt sich nicht nur dramaturgisch viel zu weit öffnet für Fantasy und Science-Fiction, sondern dass sie sich nun auch stilistisch aufteilt in den frankobelgischen und den amerikanischen Comicstil. Man könnte auch sagen: in und mit dieser neuen Geschichte zerfällt die alte, aus gutem Grund so lange geschlossene Asterix-Welt. [...] eigentlich ist die Asterix-Welt nach diesem Band kaputt. Zu retten wäre sie nur noch, wenn Tuuns [Figur im Comic] letzte Tat sich auch für den Leser auswirkte: „Ich lösche bei den Galliern jede Erinnerung an dieses groteske Abenteuer.“ Stuttgarter Zeitung

[Text: Richard Schneider. Interview: Pressemitteilung Egmont Ehapa Verlag. Bild: Klaus Jöken, Egmont Ehapa.] www.uebersetzerportal.de

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