2005-11-20
60. Jahrestag der Nürnberger Prozesse. Geburtsstunde des Simultandolmetschens
Heute vor 60 Jahren begann die Hauptverhandlung der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, die als Geburtsstunde des Simultandolmetschens gelten.
George Sakheim (82), der als 22-jähriger Dolmetscher dabei war, schildert in der Frankfurter Rundschau seine Erinnerungen.
    Sakheim, in Hamburg geboren und Sohn eines Dramaturgen der Städtischen Bühnen Frankfurt am Main, war als Soldat mit den Amerikanern in die Heimat zurückgekehrt. In seiner Einheit meldete er sich auf einen Aushang, auf dem Dolmetscher für die Prozesse gesucht wurden. Sakheim verschweigt nicht, dass er und die anderen Laiendolmetscher oft überfordert waren:
Am Anfang musste ich den Reichsbankpräsidenten und Wirtschaftsminister Walther Funk übersetzen. [...] Und wir mussten immer sehr genau sein beim Übersetzen und nichts auslassen, weil wir darauf geschworen hatten. Ich hatte überhaupt keine Ahnung von finanziellen Dingen, und als ich Funk dazu befragen sollte, kannte ich viele der Ausdrücke gar nicht. Funk merkte das und forderte mich auf, meinem Oberst das zu sagen. Und er hatte recht. Ich sagte meinem Colonel, dass ich mich in wirtschaftlichen Fragen überhaupt nicht auskenne, und ob er nicht einen anderen Dolmetscher finden könne. Das tat er dann auch. Das war eine richtige Blamage für mich.
Die Verhandlungssprachen waren Englisch, Französisch, Russisch und Deutsch. In der Berliner Zeitung lesen wir, dass die juristische Beurteilung eines Sachverhalts durchaus von der Übersetzung abhängen konnte:
Der Wiener Emigrant und Dolmetscher Siegfried Ramler erinnerte sich zum Beispiel an lange Dispute über den Sinn des Wortes „erfassen“ – ob damit verhaften oder nur behördlich registrieren gemeint sei. Die Verteidigung hatte extra Leute abgestellt, die die Übersetzungen auf solche Schwachstellen überprüften. Auf den Dolmetschern lastete eine ungeheure Verantwortung.
Im MDÜ 4-5/2005 ist unter dem Titel „Die Geburtsstunde des Simultandolmetschens“ ein Artikel von Dr. Theodoros Radisoglu über die damaligen Arbeitsbedingungen der Sprachmittler erschienen. Diese konnten zum Beispiel über eine Warnlampe den Redner auffordern, langsamer zu sprechen. Die gesamte Technik war von IBM entwickelt worden.
    In derselben Ausgabe ist auch ein Interview von Tanya Gesse mit dem damaligen Dolmetscher Peter Less (84) abgedruckt. Er gehörte in Nürnberg
zu den wenigen professionell ausgebildeten Dolmetschern. Less studierte an der Uni Genf Deutsch, Französisch und Englisch und erwarb dort 1946 sein Diplom als „Interprète parlementaire“. Auch er berichtet von einem Schnitzer, mit dem er „fast den dritten Weltkrieg ausgelöst“ habe:
Es ging um ein Wort – eigentlich einen Namen – „Rascher“. Die Frage lautete „Was machte Rascher?“ und ich übersetzte „Was machte Russland [Russia]?“ Der russische Offizier sprang sofort auf, fuchtelte mit den Armen und sagte: „Was?! Warum ziehen Sie Russland da hinein?'“
Die Angeklagten erkannten schnell, dass ihr Schicksal auch in den Händen der Dolmetscher lag. So sind vom ehemaligen Reichsfeldmarschall Hermann Göring folgende Sätze überliefert: „Ich brauche keinen Rechtsanwalt, ich habe nie etwas mit Anwälten zu tun gehabt, sie würden in diesem Prozess nichts nützen. Was ich wirklich brauche, ist ein guter Dolmetscher.“ Ein anderer Angeklagter, der ehemalige thüringische Ministerpräsident, Reichsstatthalter und Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz von Fremdarbeitern, Fritz Sauckel, war bis zuletzt der Überzeugung, er sei wegen eines Übersetzungsfehlers irrtümlich zum Tode verurteilt worden.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Frankfurter Rundschau, 2005-11-20; Berliner Zeitung, 2005-11-19; MDÜ 4-5/2005, 64-72. Bild: Richard Schneider.] www.uebersetzerportal.de